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02.05.08 08:57

Den Neustart wagen - Selbstbestimmt leben mit Diabetes

MEV
Für Zuckerkranke und deren Behandlung hat eine neue Ära begonnen: Vorbei die Zeit, da Diabetiker sich strikten ärztlichen Anordnungen zu unterwerfen hatten und hinnehmen mussten, dass die Therapie den Alltag in ein starres Korsett zwängte. Heute genießen Patienten Mitspracherecht: Auf ihre persönlichen Bedürfnisse sind alle therapeutischen Auflagen und Empfehlungen abzustimmen, damit die durch den Diabetes ohnehin geminderte Lebensqualität nicht durch eine fehlgesteuerte und damit häufig fehlschlagende Behandlung noch mehr unter die Räder kommt. Die Losung lautet „Patientenzentrierung“ und verlangt der Diabetes-Medizin einen Neustart ab, der die herkömmliche Rollenverteilung zwischen Ärzten und Kranken aufbricht.


Die Patienten werden ermuntert, die ihnen anerzogene Passivität abzulegen und sich zu Aktivposten zu mausern. Kein Untergraben ärztlicher Autorität, auch kein Misstrauensvotum, erst recht keine Einladung, sich ärztlichem Wissens- und Erfahrungsvorsprung bockig zu widersetzen oder ignorant zu verschließen.


Patientenzentrierung treibt keinen Keil zwischen Arzt und Diabetiker, da beide Seiten an einem Strang ziehen und ein gemeinsames Ziel verfolgen: bestmögliche Blutzuckereinstellung, um diabetesbedingte Folgeerkrankungen zu verhindern, insbesondere Herzinfarkt, Fußamputation, Erblindung oder Blutwäsche abzuwenden.


Dieses Ziel aber wird Studien zufolge am ehesten erreicht, wenn Diabetiker ihre Krankheit selbstständig managen – ohne Schlendrian, versteht sich, trotzdem mit Spielraum, um auf die eigenen Lebensumstände gebührend Rücksicht nehmen zu können.


Freiheit bedeutet Verantwortung


„Der Patient selbst ist der zentrale Erfolgsfaktor. Je eigenständiger Betroffene mit ihrer Stoffwechselstörung umgehen, desto größer die Aussicht auf ein langes und gesundes Leben mit bzw. trotz Diabetes“, sagt Professor Dr. Stephan Martin vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. Für Patientensouveränität spricht zudem, dass es keinen Therapiepfad gibt, der für alle Diabetiker ein Königsweg wäre; Behandlungserfolge stellen sich am ehesten bei individueller Vorgehensweise ein. „Es ist auch für Diabetiker gesund, Behandlungsformen abzulehnen, mit denen sie sich nicht identifizieren können“, meint Privat-Dozent Dr. Matthias Frank vom Evangelischen Stadtkrankenhaus Saarbrücken.


Starre Regeln sind passé


Eiserne Verhaltensmaßregeln und festzementierte Terminpläne fürs Essen oder fürs Insulinspritzen sind passé. In den Diabetikeralltag ziehen ungeahnte Freiheiten ein, die es ermöglichen, mit statt gegen die Krankheit zu leben – und sie dadurch besser in den Griff zu bekommen. Am Anfang steht eine ehrliche Selbstprüfung: Wie wichtig ist mir meine Gesundheit? In welchem Umfang will ich mein Leben verändern, um in Gesundheit zu investieren? Wie oft bin ich bereit, den Blutzucker zu messen? Wann möchte ich essen, wann lieber nicht? Für welche Therapieformen bin ich offen? Freiheit hat nämlich ihren Preis, bedeutet Selbstverantwortung.


Psychologisch ist das allerdings nicht von Nachteil, erhöht vielmehr die Motivation: Schlechte Blutzuckerwerte werden als Warnung und Ansporn, gute als Belohnung und eigenes Verdienst empfunden. Auf diese Weise erscheint die Krankheit nicht länger als Schicksal, sondern als beinah sportlich zu nehmende Herausforderung, die das eigene Ego auf die Probe stellt und ihm gleichzeitig schmeichelt: „Alles, was Sie unternehmen, tun Sie nicht für Ihren Arzt, sondern für sich selbst“, sagt Professor Martin und macht Mut: „Typ-2-Diabetiker, die ihre Lebensgewohnheiten überdenken und gezielt verändern, haben gute Chancen, ihren Blutzuckerspiegel ohne Tabletten oder Insulin zu regulieren.“


Blutzuckermessen nach Bedarf


Selbstbestimmung, Eigenverantwortung – was bedeutet das nun konkret? Angenommen, ein Diabetiker verspürt Lust auf ein großes Stück Kuchen. Im Raum steht nun nicht mehr ein pauschales ärztliches Nein; man braucht sich den Kuchen also nicht zu verkneifen, sondern darf ausprobieren, was der Körper akzeptiert. Wird ihm zu viel zugemutet, zeigt er dies durch erhöhte Blutzuckerwerte an. Blutzuckermessen ist deshalb das A und O erfolgreichen Diabetes-Selbstmanagements, am besten vor jeder Mahlzeit und zwei, drei Stunden danach. Keine Pflichtübung, vielmehr eine bedarfs- und situationsbezogene Entscheidungshilfe. Das ist nicht anders als beim Autofahren in „Zone 30“ – der Tachometer hilft, die Geschwindigkeit einzuhalten. Durch regelmäßiges Blutzuckermessen bekommen Zuckerkranke mit der Zeit ein Gefühl dafür, wie sich Essen, Trinken und Sport auf den Blutzuckerspiegel auswirken, und wissen genau, was sie wann vertragen oder besser meiden. Siegt ausnahmsweise der innere Schweinehund und wird mit Leckereien gefüttert, die garantiert die Stoffwechsellage verschlechtern, sollte das den Genuss nicht schmälern. Als „Gegenleistung“ wird allerdings Sport oder auch Insulin fällig – alles im Leben hat seinen Preis ...


Das Heft in die Hand nehmen


Das Heft selbst in die Hand zu nehmen, ist allerdings keine ganz leichte Sache und fällt niemandem in den Schoß. Deswegen sollten Diabetiker ihren Arzt auf spezielle Schulungen ansprechen, die dazu befähigen, mit der Krankheit selbstständig umzugehen und an der Verantwortungsbürde leichter zu tragen. Solches Fit gemacht werden, neudeutsch: „Empowerment“, beinhaltet neben Know-how in Sachen Ernährung, Bewegung und Blutzuckermessen ein schrittweises Ausprobieren von Behandlungskonzepten, um die individuell geeignete und erwünschte Therapie zu finden. Den Maßstab bestimmt der Patient: Was ihm zusagt, bekommt ein Okay; was ihm missfällt, wird verabschiedet. In den von Ärzten verfassten Europäischen Diabetes-Leitlinien heißt es: „In der Diabetesschulung sollen persönliche Therapieziele erarbeitet und konkrete Hilfestellungen zur Verhaltensänderung angeboten werden.“ Jeder Diabetiker habe das Recht, empowert, d. h. in die Lage versetzt zu werden, „auf der Basis eigener Entscheidungen 1. den Diabetes bestmöglich in das eigene Leben zu integrieren, 2. akute oder langfristig negative Konsequenzen des Diabetes zu vermeiden und 3. eine hohe Lebensqualität zu erhalten“.


Tipps für den Neustart


Für Empowerment und Eigeninitiative macht sich auch die Stiftung „Motivation zur Lebensstiländerung – Chance bei Diabetes“ in der Deutschen Diabetes-Stiftung stark. Zur Unterstützung hat sie die Gratis-Broschüre „Neustart Diabetes“ herausgegeben, anzufordern unter Tel. 01805-710712 (Mo. bis Fr. 14-16 Uhr; 12 Cent/Min.). Neben praktischen Tipps enthält sie Tabellen zum Ausfüllen fürs Blutzuckermessen inklusive Tagesprofil. Manche von Ihnen kommen sich jetzt sicher so vor wie im falschen Film, denn sie haben gelernt: Was der Arzt meint, wird gemacht, basta. Wenn Sie damit zufrieden sind, bleiben Sie ruhig dabei – auch diese Entscheidung treffen Sie eigenverantwortlich. Schließlich wird niemand gezwungen, in die neue Rolle zu schlüpfen. „Empowerment ist nicht Pflicht, nur ein Angebot, das niemand nutzen muss, der nicht möchte“, sagt Dr. Bernhard Kulzer, Psychodiabetologe am Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim. „Schließlich birgt ein selbstverantwortlicher Umgang mit Diabetes neben Chancen auch Risiken.“ Doch keine Bange: Mit denen werden Zuckerkranke nicht allein gelassen; auch als Coach in eigener Sache wird man selbstverständlich weiterhin ärztlich betreut und beraten.

02.05.08 08:57
Quelle: Ratgeber aus Ihrer Apotheke

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