Typ-2-Diabetes - Herz-Alarm für Zuckerkranke

ABDA
Diabetes bedeutet mehr als ein gestörter Zuckerstoffwechsel. Die Krankheit ist auch ein Gefäßleiden und mitschuldig an Arterienverkalkung. Die Folge: Drei von vier Diabetikern sterben an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Lebensuhr tickt unerbittlich: Alle 19 Minuten streckt jemanden hier zu Lande ein Herzinfarkt nieder. Eine Zahl, die beunruhigt und die Frage nach den Ursachen unabweisbar macht. Die Antwort der Ärzte verblüfft: „75 Prozent der Herzinfarkt-Patienten haben Diabetes oder Vorstufen der Zuckerkrankheit“, sagt Professor Dr. Eberhard Standl aus München, Präsident der Deutschen Diabetes-Union. „Bei vielen bringt erst der Herzinfarkt an den Tag, dass sie zuckerkrank sind. Er ist sozusagen das erste Symptom.“ Auch in umgekehrter Perspektive sind die Verhältnisse eindeutig: Drei von vier Diabetikern sterben an Erkrankungen von Herz und Kreislauf; ihr Infarktrisiko ist vier- bis fünfmal so hoch wie bei Gesunden. Zudem haben Zuckerkranke schlechtere Chancen, die Herzattacke zu überstehen. Nur jeder Dritte überlebt länger als einen Monat, bei den Nichtdiabetikern kommt immerhin jeder Zweite mit dem Leben davon.


Warum die Arterien verkalken


Um zu durchschauen, wieso Zucker- und Herzkrankheit zwei Seiten einer Medaille sind, muss man sich mit Typ-2-Diabetes näher beschäftigen und mit der Vorgeschichte vertraut machen. Sie beginnt damit, dass der Blutzuckerspiegel nach kohlenhydratreicher Kost verdächtig ansteigt und Werte zwischen 140 und 200 mg/dl erreicht. Ein Zeichen dafür, dass der Blutzucker von den Körperzellen nicht schnell genug aufgenommen wird. Ärzte sprechen von gestörter Glukosetoleranz und führen diese auf eine nachlassende Wirkung von Insulin zurück, des Hormons also, das die Bauchspeicheldrüse bildet, damit es Blutzucker (Glukose) in die Körperzellen schleust, ihnen Energie zuführt. Im weiteren Verlauf der Erkrankung werden die Zellen derart unempfindlich für Insulin, dass die Blutzuckerwerte permanent erhöht bleiben. Ärzte bezeichnen dieses Stadium als Insulinresistenz. Der Körper reagiert darauf vergeblich mit vermehrter Insulinproduktion, so dass im Blut gleichzeitig zu viel Glukose und zu viel Insulin vorhanden sind. Beides ist Gift für die Blutgefäße:


• Der erhöhte Insulinspiegel verändert das Zellwachstum in den Arterienwänden, vor allem den Herzkranzgefäßen. An ihnen lagern sich daraufhin Blutfette ab, und in den Adern wird’s eng („Verkalkung“). Die Durchblutung verschlechtert sich, es bilden sich Blutgerinnsel, die die Gefäße verstopfen, sodass die Blutversorgung des Herzens unterbrochen wird. Teile des Herzmuskels bekommen jetzt zu wenig Sauerstoff ab und gehen zugrunde – eben dies ist gemeint, wenn man von einem Infarkt spricht. Sind Gefäße verschlossen, die das Gehirn versorgen, kommt es zum so genannten Schlaganfall (Hirninfarkt).


• Der erhöhte Blutzuckerspiegel fördert Verbindungen von Glukose und Eiweiß, die die Gefäßinnenhaut schädigen. Zudem macht er das Blut zähflüssig. Es enthält jetzt mehr Blutplättchen als sonst, die bekanntlich an der Blutgerinnung beteiligt sind. Da sich obendrein die Oberfläche der Blutplättchen verändert, verklumpen sie besonders leicht zu Gerinnseln. Normalerweise finden sich im Blut ausreichend Stoffe, die das verhindern bzw. Gerinnsel gleich wieder auflösen. Bei Diabetes jedoch hat das Blut die Fähigkeit dazu deutlich eingebüßt.


Hohes Infarktrisiko – keine Beschwerden


Als wäre dies nicht genug, kommen bei vielen Diabetikern weitere Risikofaktoren hinzu, die der Gefäßverkalkung Vorschub leisten, die Gerinnungsneigung des Blutes erhöhen und damit einen Infarkt heraufbeschwören. Es handelt sich durchweg um „alte Bekannte“: zu hohen Blutdruck und zu hohe Blutfettwerte, namentlich die Triglyzeride und das sich in den Gefäßen ablagernde, „schlechte“ LDL-Cholesterin. Der Wert für den Adernputzer HDL ist hingegen zu niedrig. Bei 40 Prozent der über 40-jährigen Bundesbürger sind Blutzucker, Blutdruck und Blutfette allesamt aus dem Lot. Ärzte sprechen von einem metabolischen Syndrom.


Dicker Bauch die Wurzel allen Übels


Mediziner sind überzeugt, dass es sich um ein Wohlstandsübel handelt, an dem vor allem zu üppige Kost und zu wenig Bewegung schuld sind. Das metabolische Syndrom hieße zutreffender „Bauchfettkrankheit“, um die gemeinsame Wurzel von Diabetes, hohen Blutfettwerten und Bluthochdruck sichtbar zu machen. Bauchfett ist nämlich nicht bloß Energiespeicher für schlechte Zeiten, sondern es arbeitet wie eine Drüse, schüttet Hormone aus und beeinflusst u. a. die Blutgerinnung und die Gefäß-weite. Kein Wunder, dass der gesamte Stoffwechsel aus dem Ruder läuft, wenn die „Speckdrüse“ zu groß wird. Nicht zuletzt schmälert zu viel Bauchfett die Wirkung von Insulin und begünstigt Diabetes. Ein Teufelskreis: Blutzucker, der nicht verbraucht oder in Muskeln und Leber gespeichert wird, wandelt der Körper in Fett um. Die zusätzlichen Fettreserven wiederum erschweren den Abbau von Blutzucker.


Um Arterienverkalkung und Herzinfarkt zu entgehen, ist eine gute Blutzuckereinstellung das A und O, reicht aber nicht aus. Hoher Blutdruck muss ebenfalls gesenkt, der Blutfettspiegel reguliert werden. Anzustreben sind ein Blutzuckerlangzeitwert (HbA1C) unter 6,5 Prozent, für den Nüchternblutzucker und das LDL-Cholesterin Werte unter 100 mg/dl, für die Triglyzeride unter 150 mg/dl und für das HDL-Cholesterin mindestens 45 mg/dl. Der Blutdruck sollte unter 120 zu 80 liegen. Diesbezügliche Erfolge sind weder von einem Tag auf den anderen zu erreichen noch sind sie zu erwarten, solange man an alten Gewohnheiten festhält. Man muss schon einiges im Leben ändern, um in Sachen Gesundheit zu punkten.


Herzgesundes Leben


Ganz oben auf der Tagesordnung steht der Abbau von Übergewicht, damit das schädliche Bauchfett abschmilzt. Auf die Kalorienbremse zu treten, ist das eine. Angesagt sind viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukte sowie pflanzliche statt tierischer Fette. Nur Fisch ist erlaubt, sogar empfohlen. Auf Süßigkeiten sollte man tunlichst verzichten. Abspecken gelingt jedoch nur, wenn zusätzlich auf mehr Bewegung gesetzt wird. Das bedeutet mindestens dreimal die Woche zwei bis drei Stunden Sport, ohne sich auszupowern, weil sonst Kohlenhydrate statt Fett verbrannt werden. Was zählt, ist Ausdauer: Radeln oder strammes Gehen (Walking) knabbern die Speckpolster an und senken obendrein den Blutzuckerspiegel. Unerlässlich ist auch, sich das Rauchen abzugewöhnen, denn es erhöht den Blutdruck und verengt die Gefäße. Diabetiker, die regelmäßig zum Glimmstängel greifen, erleiden viermal häufiger einen Herzinfarkt!


Wenn all das nicht reicht, können Ärzte Medikamente verschreiben, um Arterienverkalkung und Herzinfarkt abzuwenden. Lipidsenker, so genannte Statine, werden zu hoher Blutfettwerte Herr. Blut verdünnende Mittel, die auf die Blutplättchen wirken, bewahren vor Gerinnseln. Auch den Blutdruck kann man bekanntlich mit Medikamenten senken, wobei so genannte ACE-Hemmer den Vorrang genießen, wenn der Blutzuckerspiegel ebenfalls Probleme macht. Was die eigentlichen Diabetes-Medikamente angeht, sind günstige Effekte auf Herz und Gefäße für Metformin und Pioglitazon belegt.





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