VII.Bundesrepublik und DDR

Dresden 1945Die Folgen von Hitlers völkischen Größenwahn sind bekannt: Deutschland wurde zerstört und nach dem Krieg in vier Zonen geteilt, große Gebiete mußte es an seine Nachbarn abgeben, Unrecht wurde mit Unrecht mit der Vertreibung deutscher Minderheiten aus dem Osten vergolten. Zwei neue deutsche Staaten entstanden und zumindest die Bundesrepublik ließ sich durch ihr Grundgesetz die Tür zur späteren Wiedervereinigung der beitrittswilligen ehemals deutschen Gebiete offen.


Die bundesrepublikanische Wirklichkeit mit ihrem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung ließ Vergangenes schnell vergessen; an der Seite Amerikas wurden westliche Werte rasch akzeptiert und völkische Träumereien offiziell der extremen Rechten überlassen. Von Dichtern und Schriftstellern wurde die Vergangenheit zwar oft beschworen, doch setzten sie sich immer der Gefahr aus, als Nestbeschmutzer zu gelten. Thomas Mann stellte 1945 die Frage, warum immer der deutsche Freiheitsdrang auf innere Unfreiheit hinauslaufen mußte ?

Thomas Mann"Warum mußte er endlich gar zum Attentat auf die Freiheit aller anderen, auf die Freiheit selbst werden ?Der Grund ist", so Mann, "daß Deutschland nie eine Revolution gehabt und gelernt hat, den Begriff der Nation mit dem der Freiheit zu vereinigen. Die "Nation" wurde in der Französischen Revolution geboren, sie ist ein revolutionärer und freiheitlicher Begriff, der das Menschheitliche einschließt und innerpolitisch Freiheit, außenpolitisch Europa meint.(...) Die deutsche Freiheitsidee ist völkisch-antieuropäisch, dem Barbarischen immer sehr nahe, wenn sie nicht gerade in offene und erklärte Barbarei ausbricht wie in unseren Tagen. Aber das Ästhetisch-Abstoßende und Rüde, das schon ihren Trägern und Vorkämpfern zur Zeit der Freiheitskriege anhaftet, dem studentischen Burschenschaftswesen und solchen Typen wie Jahn und Maßmann, zeugt von ihrem unglücklichen Charakter. Goethe war wahrhaftig nicht fremd der Volkskultur und hatte nicht nur die klassizistische 'Iphigenie', sondern auch so kerndeutsche Dinge wie 'Faust I', 'Götz' und 'Sprüche in Reimen' geschrieben. Dennoch war zur Erbitterung aller Patrioten sein Verhalten zum Krieg gegen Napoleon von vollkommener Kälte,- nicht nur aus Loyalität gegen seinen Pair, den großen Kaiser, sondern auch weil weil er das barbarisch-völkische Element in dieser Erhebung widerwärtig empfinden mußte" (Thomas Mann, Deutschland und die Deutschen).


Heute stellt sich die Frage: Sind die völkischen Ideen im bundesrepublikanischen Staat und im vollzogenen staatlichen Verbund mit der ehemaligen DDR überwunden? Man darf dies bezweifeln. Gerade die Erfolge der Rechten in den letzten Jahren, die Ausländerfeindlichkeit bei uns, lassen die Vermutung zu, daß nicht nur bei der extremen Rechten, den Ewig-Gestrigen, völkische Ideen noch Gewicht haben. Der gesellschaftliche Pluralismus, der mittlerweile ein fester Bestandteil unseres politischen Systems ist, gibt allerdings zu der Hoffnung Anlaß, daß die abstrusen völkischen Ideen kaum mehr mehrheitsfähig werden können.


Nachwort


Was ist nun deutsch ? Dieser Aufsatz hat ein wenig die Problematik vermittelt, die seit nun mehr über 200 Jahren mit dieser Fragestellung verbunden ist. Politisch zumindest scheint die Fragestellung mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten beendet zu sein, da eine Grundgesetzänderung, von den Berufsvertriebenen zwar heftig abgelehnt, nach dem Willen der Parteien den Prozeß der Vereinigung für beendet erklärt, den Verzicht und Verlust der deutschen Ostgebiete festschreibt. Inwieweit sich auch innerhalb der Gesellschaft ein Bewußtsein ausbildet, das die Frage: Was ist deutsch ? auf das jetzige vereinigte Deutschland beschränken wird, bleibt der Zukunft überlassen. Angesichts der zukünftigen europäischen Vereinigung sollte diese Frage eigentlich nur von geringem Interesse sein, versucht diese Vereinigung doch gerade an die Tradition des Imperium Romanum anzuknüpfen, ein übervolkliches Gebilde aufzubauen, in dem die Völker Europas, die seit den sogenannten Indo-Europäern sprachlich und kulturell eine gemeinsame Geschichte haben, friedlich zusammenleben können.


Es hätte den Rahmen dieser Betrachtung gesprengt, wäre ich auf alle Faktoren eingegangen, die das Deutschtum geprägt haben. Eine Betrachtung wie diese kann natürlich nur rein subjektiv sein und hat primär die Aufgabe, bestehende Vorurteile zumindest zum Wackeln zu bringen und in Frage zu stellen.

Was ist deutsch ?





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