Das änderte sich entscheidend mit dem Sturz des deutschen Kaisers und sämtlicher Restmonarchien in den Bundesstaaten. Der verlorene Krieg, der Weimarer Parlamentarismus, die Reperationsforderungen der Siegermächte waren beliebte Angriffsziele der völkischen Bewegung, die sich auf mehrere Parteien verteilte. Die verspätete Nation wurde von der Vergangenheit eingeholt. Es rächte sich nun, daß ein politisch-sozialer Grundkonsens auch im Kaiserreich nie gewonnen werden konnte.
"In der politischen Kultur des Kaiserreiches gab es keine allgemein akzeptierten überlieferten Normen, sondern Überzeugungen von Teilgruppen, die die von ihnen anerkannten Normen mit Hilfe des Staates gegen innergesellschaftlich definierte Gegner ausspielten. Insbesondere wirkte sich die "Monopolisierung des Vaterlandes" (Th.Heuss) verhängnisvoll aus, weil sie Auskreisungsprozesse initiierte, die sich durch den Appell an nationale Gefühle, durch den Hinweis auf ein höheres Interesse scheinbar zu rechtfertigen vermochten" (Peter Steinbach, Republik ohne Grundkonsens, in: Machtzerfall und Machtergreifung, Landeszentr. f.polit.Bildung).
Beweise, daß es auch in der Weimarer Republik nie einen allgemein akzeptierten Grundkonsens gab, gibt es genug. So büßten bereits 1919 die drei Koalitionsparteien ihre Mehrheit im Parlament ein, nach dem sie eine neue Verfassung im Parlament durchgesetzt hatten. 1925 wurde Generalfeldmarschall Hindenburg, ein Erzmonarchist und Miturheber der sogenannten Dolchstoßlegende, Reichspräsident. Mit ihm wurde der (völkische) Bock zum Gärtner gemacht. Spätestens seit 1930 war das Parlament aufgrund der politischen Zerstrittenheit der Parteien untereinander völlig entmachtet zugunsten eines präsidentiell-autoritären Herrschaftssystems. Gewinner dieses destruktiven Treibens

Thor
Es war also keineswegs ein Unfall der Geschichte, wie die nationalsozialistische Zeit oft genannt worden ist, sondern die lange Tradition völkischen Denkens, die hier in die Tat umgesetzt wurde. Die ethnologisch und rassisch erweiterte Römer-Germanen-These mit ihrer in der Romantik umgewandelten Form des ewigen Kampfes zwischen Semiten und Indogermanen mußte aufgrund der römisch-deutschen Verbindung mit dem italienischen Faschismus auf Druck Hitlers auch wissenschaftlich geändert werden, indem Italien wieder in die indogermanische Gemeinschaft aufgenommen wurde. Hier leistete der Münchner Ordinarius für Indogermanistik Wüst entscheidende Arbeit. Er versuchte historisch einen fundamentalen Gegensatz zwischen den Ariern und den Semiten zu beweisen. Während die Indogermanen seiner Meinung nach schon immer den Ackerbau betrieben haben, waren die Semiten seit jeher Nomaden. Den Begriff Arier interpretiert er in "den in der Pflugzeile gradlinig Stehenden" um. Den Juden kennzeichnet von jeher "bußfertige und vordergründige Händlerschläue". Mit "Geistige Umkehr, eine Mahnung an den deutschen Menschen" wendete sich der Kunstforscher J.Strzygowski an die Öffentlichkeit. Er forderte seine Leser in diesem Buch zur geistigen Umkehr, zur Abwendung vom lateinischen Humanismus und zur Hinwendung zu indogermanischen Werten auf. Das Indogermanische gerät in diesem Denken zur Pseudoreligion.











