
Otto von Bismarck
1. Kulturnation Deutschland

Europa 1871
Doch ohne Symbole und Utopien konnte auch ein verwirklichtes deutsches Kaiserreich nicht bestehen. Die Fahne mit den Farben Schwarz-Rot-Gold, aus den Farben des Lützowschen Freikorps der Freiheitskriege entstanden, während der ganzen Zeit der nationalen Erhebung schon von Bedeutung, wurde mit dem mittelalterlichen Reichsadler in Verbindung gebracht. Germanische Symbole, wie die Eiche ,die Linde oder der Wald schlechthin gewannen an Bedeutung. Die Sprach-und Wirtschaftsnation Deutschland versuchte unter dem neuen Kaiserreich mehr und mehr auch eine Kulturnation zu werden.
Aber schon bald wich das erhabene Gefühl über die erreichte Einheit dem Gefühl eines tiefen Pessimismus angesichts des platten Materialismus der neuen Gesellschaft und des heraufziehenden Massenzeitalters. Die Völkischen sahen den "deutschen Geist", das "deutsche Wesen" und die Werte der "deutschen Nation" gefährdet. Den sogenannten Kulturpessimisten um Jakob Burckhardt und Friedrich Nietzsche ging es dagegen um das Überleben von Geist und Vernunft angesichts der Bismarckschen Realpolitik. In seinen "Unzeitgemäßen Betrachtungen: David Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller" prangerte Nietzsche das eigenartige Kulturverständnis seiner Zeit an. "Von allen schlimmen Folgen aber, die der letzte mit Frankreich geführte Krieg hinter sich drein zieht, ist vielleicht die schlimmste ein weitverbreiteter, ja allgemeiner Irrtum: der Irrtum der öffentlichen Meinung und aller öffentlich Meinenden, daß auch die deutsche Kultur in jenem Kampfe gesiegt habe ... ".
Das völkische Lager machte sämtliche "Modernismen" für die zunehmende Vermassung verantwortlich:
- Industrialisierung(Folgen: Proletarisierung und Verstädterung)
- Kapitalisierung der sozialen Beziehungen im Wirtschaftsprozeß
- Liberalismus als politische Ideologie des zersetzenden
- Industriekapitalismus
- die Entstehung der Parteien als Konsequenz der liberalistischen
- Pervertierung von Wirtschaft und Gesellschaft
- der Parlamentarismus als undeutsches, liberalistisch-rationalis-
- tisches Instrument sozialer Gruppeninteressen und Ausdruck
- nationaler Fragmentierung
- das sterile, von Volk und Natur wegführende Bildungssystem
"Deutsch" war im Gegensatz zu diesem Denken im Rückgriff auf Tacitus "Germania" Treue, Opferbereitschaft, Freiheit im Sinne von freiwilliger Einbindung in den "Volkskörper" etc. Der alte patriarchalische Familienverband, wie er sich in den drei ursprünglichen Ständen Adel, Bauerntum und Handwerk manifestierte, sollte wieder die tragende Säule des deutschen Staates werden. Der germanische Freiheitsbegriff schloß politische Gleichheit aus, da es bei den Germanen auch nur Freie und Unfreie gab. Ein gewisser Willibald Hentschel wollte in einem von ihm gegründeten "Mitgartbund" eine "Erneuerung der germanischen Rasse" durch rassische Zucht erreichen. Zu diesem Zweck sollten sich jeweils tausend Frauen und hundert Männer in ländlicher Stille der Kindererzeugung widmen. Julius Langbehn empfahl in seinem Buch "Rembrandt als Erzieher" eine Verbauerung, denn nur der Bauer verbindet in sich "innere Tiefe mit äußerer Schlichtheit". In den städtischen literarischen Zirkeln löste Langbehns Buch Gelächter aus und es folgten als bald Parodien wie "Goethe als Hemmschuh" oder "Höllen-Breughel als Erzieher". Der Heimatdichter Hermann Löns wetterte gegen den "verwelschten und verrömerten Geist" und gegen die "dem Berliner Asphalt entsprossene Literatenclique" und schwärmte von der "Vorherrschaft des Blondblutes". Auch der junge Max Weber konnte sich in seinen Jugendjahren den nationalaggressiven Tendenzen seiner Zeit nicht entziehen und meinte, "nur Herrenvölker haben den Beruf, in die Speichen der Weltentwicklung einzugreifen".
2. Rassische Ideologien
Mit der kulturellen Unzufriedenheit in Deutschland gewannen rassische Ideologien an Bedeutung. Die Juden, traditionell bereits von der christlichen Judenfeindschaft stigmatisiert, wurden als neuer Gegner und Verursacher modernistischer Tendenzen ausgemacht. Die Völkischen gingen jedoch zum christlichen Antijudaismus auf scharfe Distanz. Es wurde nicht die jüdische Religion bekämpft, sondern der mosaische Glaube als typisches Produkt des jüdischen Rassecharakters hingestellt. Die germanisch-jüdische Antithese bestand nun darin, daß die Juden als Bauern und Handwerker unfähig seien, da ihr Naturcharakter rein parasitär sei. Ihre Aufgabe war es seit jeher, in andere Völker einzudringen und deren "Volksgeist" systematisch zu zersetzen. Wenn man diese ihre Aufgabe zu Ende denkt, so kann ihr Ziel nur "die Herrschaft über alle Welt " sein(Eugen Dühring). Dieses Denken wurde bereits 1853 durch Arthur de Gobineaus 4-bändiges Essay "Zur Entwicklung der menschlichen Rassen " eingeleitet, einem Denken, das ethnologische und biologische Erkenntnisse der damaligen Zeit vermischte. Ludwig Scheman machte Gobineaus Gedanken in den 90er Jahren wieder populär, allerdings mit einigen Verfälschungen. Gobineau stellte die weiße Rasse an die erste Stelle der Menschheitsgeschichte. An deren Spitze hatten die Arier, die er mit "Die Ehrenhaften" übersetzte, die Aufgabe, durch die Vermischung mit den anderen Rassen Kulturen zu schaffen. Das führte seiner Meinung nach zu einem nivellierenden Rassenchaos mit dem Ergebnis, daß die Menschheit in einem trägen Herdendasein enden wird. Während Gobineau noch Tacitus' Beschreibung der Germanen übernahm, änderte Scheman diese Charakterisierung: "Die ganze ungeheure Energie der Germanen warf sich auf den Ackerbau, sie sind ein Bauernvolk wie keines zuvor gewesen ist". Houston Stewart Chamberlain, Schwiegersohn Richard Wagners, machte den rassischen Germanengedanken in weiten Kreisen des Bürgertums populär. Er machte den Versuch, an Stelle der humanistischen Bildungstradition ein germanisches Bildungsideal zu setzen. Für seine Gedanken bekam er ein ausdrückliches Lob von Wilhelm II.: "Das Germanentum in seiner Herrlichkeit ist dem erstaunten deutschen Volk erst durch Chamberlain ... klar gemacht und gepredigt worden". Chamberlain war von Beruf Biologe und sah in Rassen daher kein Urphänomen, sondern eine bewußte Züchtung. Als Beispiel dient ihm die Züchtung von englischen Vollblutpferden. An der angeblichen arischen Vormachtstellung konnte er offenbar selbst nicht so recht glauben :
"Würde bewiesen werden, daß es in der Vergangenheit nie eine arische Rasse gegeben hat, so wollen wir, daß es in Zukunft eine gebe, für Männer der Tat ist dies der entscheidende Gesichtspunkt". Chamberlain vertrat die Ansicht, daß sich nur in Rassen geschichtliche Ideen verwirklichen könnten, allgemeine "Menschheitsideale" gab es für ihn nicht. Oberste Pflicht des Menschen ist es daher für ihn, seiner rassischen Eigenart zu dienen und das Fremde auszuschließen. Als Beweis, daß auch andere Denker diesem Gedankengang aufgeschlossen waren, diente ihm ein Goethezitat:
Was euch nicht angehöret
Müsset ihr meiden;
Was euch das Innere störet,
Dürft ihr nicht leiden.
Dem völkisch-rassischen Ansatz der angeblichen Höherwertigkeit der Deutschen erteilte Friedrich Nietzsche in "Jenseits von Gut Böse, Völker und Vaterländer" ein vehementes Nein:

Friedrich Nietzsche
Nietzsches Freundschaft mit Wagner zerbrach an dessen antijüdischem Ressentiment und seiner Hinwendung zu den völkisch-nationalen Ideen. Nietzsche selbst wird zwar immer wieder mit dem rassistischen Denken in Verbindung gebracht, doch fällt man auf diesem Weg nur auf die ideologischen Beschlagnahmungen der Nationalsozialisten und der Völkischen insgesamt herein, die ja nicht nur Nietzsche, sondern auch Luther, Herder, Kant und Hegel für sich in Beschlag genommen haben.
Richard Wagner schaffte durch seine germanischen Opern eine Lossagung der Bildungswelt vom deutschen Klassizismus und Humanismus.
Eine neue mythologische Szenerie entstand : Statt Amazonen sagte man nun Walküren, statt Parzen Nornen, statt Juno Brünhilde etc. Wagners Einfluß war so gewaltig, daß selbst Alfred Rosenberg, der Chefideologe Hitlers, nordisch-germanische Mythen nicht nach den altnordischen Quellen, sondern in der Version Wagners erzählte.
Das völkische Denken stand im Gegensatz zum Staat Bismarcks und einflußreicher industrieller Eliten. Mit diesem Denken sympathisierten ein Teil des Bürgertums, die ostelbischen Großagrarier und vom sozialen Status bedrohte Teile des unteren Mittelstandes. Schon am Vorabend des Ersten Weltkrieges zirkulierten germanische Führerideen. Ein "Volkskaiser" sollte die Nation aus ihrem Elend erheben. Doch solange das zweite Deutsche Kaiserreich bestand, hofften führende Verbandspolitiker aus den völkischen Reihen, irgendwann die führenden politischen Eliten und den Staat selbst auf ihre Grundsätze verpflichten zu können. Ihre Aktivitäten waren deshalb rein agitatorischer Natur.











