IV. Von der Sprachnation zur Wirtschaftsnation Deutschland

1. Mittelalter

Krönung Karl der Grosse
Karl der Grosse
Das Heilige Römische Reich, von Otto I. 962 gegründet, ca.100 Jahre später in Sacrum Romanum Imperium benannt , von Karl dem Großen und seinen Vorgängern durch blutige Kämpfe als Nachfolgereich des Römischen Reiches geschaffen, verstand sich von Anfang an nicht als deutsches Reich, auch wenn der Zusatz Deutscher Nation im 15.Jahrhundert angehängt wurde.  Karl I. hatte mit brachialer Gewalt die zerstrittenen germanischen Stämme geeinigt und mit seinem Frankenreich das mit der Auflösung des Römischen Reiches um 476 entstandene Machtvakuum zu füllen versucht. Bereits kurz nach Karls Tod zerfiel sein Reich in West-, Mittel- und Ostfranken. Die Stammesherzogtümer konnten aufgrund der politisch unstabilen Lage wieder erstarken und ihre Machtbefugnisse ausdehnen. Erst Otto I. gelang auf dem ostfränkischen Teil die Restaurierung des Römischen Reiches. Doch wie bei Karl standen dahinter universale und nicht nationale und völkische politische Ideen. Otto erhielt vom Papst die Kaiserkrone als Symbol der Herrschaft über das römische Reich. Das Frankenreich unter Karl I. erstreckte sich auf weite Teile Europas.

2. Humanismus


936-973 Otto I., der Große
Otto I., der Große
Das von Otto I. geschaffene Heilige Römische Reich litt von Anfang an an seiner von Karl I. übernommenen universalistischen Politik, der es durch die Teilung des fränkischen Reiches nicht mehr gerecht werden konnte. Während sich in anderen Staaten mehr und mehr zentralistische Gewalten durchsetzen und sich die kulturellen Charakteristiken einer Nation dadurch auf natürliche Weise formen konnten, war das deutsche Reich stets vom Konflikt der um faktische Souveränität kämpfenden deutschen Fürsten geprägt. Das durch seine Schwäche der Zentralgewalt gekennzeichnete Deutschland war dem finanziellen Zugriff des Papsttums (Ablaßhandel) viel mehr ausgesetzt als die zentralistisch organisierten anderen europäischen Staaten. Die Auseinandersetzung der deutschen Humanisten mit der römischen Kurie und die dadurch entstehende Kopfgeburt des Deutschtums muß unter diesen politischen Gegebenheiten gesehen werden.


Im Jahre 1458 verfaßte der römische Humanist Enea Silvio de' Piccolomino und spätere Papst Pius II. eine Germania, die sich eng an das kurz zuvor entdeckte Werk Tacitus' anschloß, jedoch den Zweck hatte, die Beschwerden zu widerlegen, die in Deutschland aufgrund der römischen Ausbeutung gegen das Papsttum vorgebracht wurden. Den

Desiderius Erasmus von Rotterdam
Erasmus von Rotterdam
deutschen Humanisten wurde in dieser Schrift ihre germanische Vergangenheit vorgehalten durch Vergleiche wie diesem, wie gut es das neue Deutschland im Vergleich zum alten, barbarischen hätte. Einige Jahre später diente die Schrift Tacitus' einem Abgesandten des Papstes als willkommene Gelegenheit, den deutschen Fürsten auf dem Reichstag in Regensburg Dampf zu machen für einen Krieg gegen die Türken, in dem er ihnen ihre kämpferische germanische Vergangenheit vorhielt. Im 16.Jahrhundert bemächtigten sich die deutschen Humanisten der Schrift des Tacitus als wertvoller Quelle des Deutschtums. So versuchte Jakob Wimpfeling den franzosenfreundlichen Bestrebungen in Straßburg entgegenzuhalten, daß das Elsaß laut Tacitus stets zu Teutschland(!) gehört habe. Ulrich von Hutten begründete mit seinem Arminius den Kult um den Cheruskerfürsten, der sich bis ins 19.Jahrhundert fortsetzte. Die Germania diente in Deutschland bald als willkommene Bestätigung des eigenen Selbstgefühls, als Fundament eines nationalen Geschichtsbildes. Die Erweiterung des Namens Heiliges Römisches Reich in Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation war nur eine Folge des nationalen Erwachens der Deutschen.

Das nationale Geschichtsbild der deutschen Humanisten litt von Anfang an unter einem bestimmten Vorstellungsschema, das von Tacitus' Germania abgeleitet wurde: einem Denken in Antithesen, einem Denken, das den Germanen nicht ohne das Gegenbild des Römers erfassen konnte, wie Klaus von See(Deutsche Germanenideologie) eindrucksvoll nachwies. Die Germanen wurden in der Germania als junge, unverbrauchte, unverdorbene Kultur dargestellt, während es sich im Gegensatz dazu bei den Römern um eine überzivilisierte, erschlaffte Kultur handelte. Diese Darstellung wurde von den deutschen Humanisten für ihr antithetisches Bild, das sich gegen die römische Kurie und den oberitalienischen Handelskapitalismus richtete, entsprechend ergänzt. Der Germane ist demnach, überspitzt formuliert, bieder, treu, gemütvoll, eingebunden in größere Gemeinschaften, während der Römer juristisch-advokatisch und ökonomisch-händlerisch begabt, nüchtern und idealistisch ist.
Die damaligen Bewohner Deutschland wurden uneingeschränkt zu taciteischen Germanen gemacht und die Charakterisierung der Germanen zeitlos für gültig erklärt. Humanistischer Dünkel scheute selbst vor der Behauptung nicht zurück, daß aller Adel Europas aus Deutschland stamme und ohne die Germanen nahezu nichts Großes auf der Erde geleistet worden wäre. Diese Aussagen müssen sicherlich im Licht der Anschuldigungen gesehen werden, die von römischer Seite mit der polemisch-formulierten Gleichsetzung germanisch = deutsch erhoben worden sind. Das dadurch entstehende Minderwertigkeitsgefühl der lateinisch sprechenden Gebildeten der damaligen Zeit mußte offensichtlich in irgendeiner Weise abreagiert werden. Und so kann man, wie Klaus von See meint, in diesem Schema sicherlich auch eine allgemeine ethnologische Erfahrungstatsache widergespiegelt finden:
Ein Volk, das von einem höher entwickelten Nachbarvolk zivilisiert wird, sucht sich zu irgendeinem Zeitpunkt aus der ständigen wirtschaftlichen und geistigen Beeinflussung zu lösen, indem es ein Selbstbewußtsein ausbildet, das gerade solche Werte in sich entdeckt, die im zivilisatorisch überlegenen Nachbarvolk keine Entsprechung haben oder zu haben scheinen, Werte also, die von Natur aus nicht vermittelbar sind, Werte des reinen bedürfnislosen Ursprungs, moralische Tugenden und nicht intellektuelle Fähigkeiten (vgl. von See, Deutsche Germanenideologie).

Erstaunlich ist es aber doch, daß diese Polemik der römischen Kurie, die nur den Zweck hatte, Beschwerden der Deutschen gegen ihre Politik der Ausbeutung zu widerlegen, einen so großen Einfluß auf die deutschen Humanisten hatte, daß diese die These "germanisch ist deutsch" unkritisch übernommen haben. Die Frage : Was ist deutsch ? mit ihrem nationalaggressiven Werdegang wurde also nicht, wie oftmals behauptet, in der Romantik eingeleitet, sondern hatte ihre Ursprünge im deutschen Humanismus.

3. Aufklärung
Immanuel Kant (1724-1804)
Immanuel Kant
In der sogenannten Phase der Aufklärung spielt die Germanenideologie als Quelle des Deutschtums eine untergeordnete Rolle. Ideen aus Tacitus' Germania fließen zwar in die Schriften von Montesquieu und Rousseau ein, für deutsche Aufklärer haben sie jedoch keine große Bedeutung. Es waren mehr die Ideen der Revolution und der Nation, die den damaligen nationalen Diskurs bestimmten. Nach Schätzung des Berliner Aufklärers Friedrich Nicolai waren 1770 etwa 20 000 Menschen am nationalen Diskurs beteiligt. Der zunehmende Bedarf der absolutistischen Staaten an geschulter Intelligenz zur Rekrutierung einer gehobenen Beamtenschaft, die Zunahme von Hochschul- und Gymnasiallehrern, Pfarrern, Schriftstellern, Buchhändlern, Verlegern, Ärzten und anderer freier Berufe vergrößerten die Bildungselite des Bürgertums ständig und es konnte nicht ausbleiben, daß diese Elite auch politische Mitspracherechte forderte. Mit der Französischen Revolution konnten sich noch große Teile des Bildungsbürgertums identifizieren. Die antithetische Grundhaltung vieler Gebildeter gegen alles Französische wurde vorübergehend aufgegeben und die Franzosen als "Franken" und" germanische Brüder" angesprochen, die Französische Revolution mit dem typisch germanischen Freiheitsstreben identifiziert. Das Volk und seine Sprache als einzige und letzte legitimierende Begründung der Nation wurden entdeckt. In der späteren Konfrontation mit dem aggressiven französischen Nationalismus gewann Herders Idee von der durch die Sprache begründeten Sozialindividualität des Volkstums an Bedeutung. Durch Napoleons Bestrebungen, mit dem von ihm gegründeten Rheinbund große Teile der deutschen Staaten zu dominieren und auszubeuten, gewann das Lager der völkisch-orientierten Freiheitskämpfer an Bedeutung.

Auch in der übrigen Bevölkerung schlug die anfängliche Gleichgültigkeit gegen die Okkupationsmacht durch die unmäßigen Steuern, die Napoleons Vasallen zur Finanzierung seiner Kriege einzogen, bald in Haß um. Der zahlenmäßige Anstieg der Gruppe der Gebildeten und die zunehmenden Publikationen in der Literatur förderten das Zusammenwachsen der verschiedenen Dialekte zu einer gemeinsamen deutschen Hochsprache. Deutsche Nationalliteratur sowie deutsches National-und Musiktheater taten ein übriges, über Territorialgrenzen hinweg eine Einheit des Geschmacks und des Urteils zu bilden. Deutsch zu schreiben erforderte ein ständig wachsender Markt und paßte in eine Zeit des aufgeklärten bürgerlichen Geistes, der sich bewußt von der französischen Sprachkultur, wie sie an den deutschen Fürstenhöfen herrschte, abgrenzte. Hatte die deutsche Klassik noch ein am Griechentum orientiertes Bildungsideal, so wurde in der Romantik Herders Idee des "Volksgeistes" und Schillers aus den Leistungen der Literatur und Philosophie abgeleiteter Anspruch auf "Deutsche Größe" national-aggressiv aufgegriffen.

4. Romantik
Die Zersplitterung des Heiligen Römischen Reiches in immerhin 314 Territorien und Städte sowie 1475 freie Rittertümer, der immer noch schwelende Religionskonflikt, der mehr den höfischen Sitten Frankreichs zugeneigte deutsche Adel verhinderten lange Zeit den wirtschaftlichen Gleichschritt mit den anderen europäischen Nationen. Während sich im übrigen Europa durch den wirtschaftlichen Umbruch schon starke Auflösungserscheinungen der ständisch-orientierten Gesellschaftsysteme zeigten, dauerte dieser Prozeß in den deutschen Territorien um einiges länger. Auch der politische Übergang von Territorial- zu Nationalstaaten als Folge der Französischen Revolution war nur durch eine Geburtshilfe Napoleons möglich. Nach französischen Vorbild sollten die Gebietsverluste der deutschen Fürsten, die sie durch Napoleon erlitten hatten, durch die Säkularisation des Kirchengutes entschädigt werden.
Baden, Preußen, Württemberg und Bayern konnten ihre Gebiete dadurch erheblich erweitern. Durch die Mediatisierung verlor ein Großteil der Reichsritterschaften und Städte ihre Reichsunmittelbarkeit. Bayern und Württemberg wurden Königreiche, Baden und andere  Großherzogtümer. Diese gegen geltendes Reichsrecht durchgeführten Beschlüsse beschleunigten die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. 1806 verzichtete der Habsburger Franz II. auf die Kaiserkrone und die Auflösung des alten Reiches wurde dadurch besiegelt.
Die von den deutschen Humanisten aufgegriffene Antithese zwischen den Germanen und den Römern erfuhr erst durch den wirtschaftlichen Umwandlungsprozeß von der Agrar - zur Industriegesellschaft weiteren Auftrieb. Die Ständegesellschaft des Mittelalters mit ihrer genau festgelegten Rollenverteilung und den Adelsprivilegien - wobei der europäische Adel weitgehend untereinander verschwägert war - ließen nationalen Gefühlen wenig Raum. Zwar zeichnete sich in der Literatur im Sturm und Drang schon eine Abwendung von der Rationalität und Kühle der französischen klassischen Poesie ab, doch blieb es der Romantik überlassen, durch Mythenforschung und der Beschäftigung mit dem Mittelalter der eigenen deutschen Identität mehr Geltung zu verschaffen.
Die enge Römer-Germanen Antithese wurde dabei zur großräumigen Nord-Süd-Antithese umgewandelt. Auf der einen Seite standen die mitteleuropäischen und nordeuropäischen Völker, die jugendfrisch und artbewußt aus der skandinavischen "vagina gentium", dem Völkerschoß hervorgingen, auf der anderen Seite die süd-und westeuropäischen Völker, die ihre Grundlagen im spätantiken, semitisch durchsetzten levantinischen "Völkerchaos" der mittel-meerischen Stadt- und Handelskultur haben. Das Germanische geht, durch neue Forschungen und Erkenntnisse der Indogermanistik inspiriert, ins Arische, also ins Indogermanische über. Der Arier, der Indogermane wird zum Antitypen des Semiten ,des Juden hochstilisiert. Das Fremde, Feindliche, sei es nun römisch, galloromanisch, englisch oder jüdisch - das ist der großstädtische wurzellose Intellekt, die juristisch-advokatische und die wirtschaftlich-händlerische Begabung, das Eigene, Volksgemäße dagegen ist Biederkeit und Schollengebundenheit, das Gemüt, die Treue und der Heldensinn. (Vgl. Klaus von See, Deutsche Germanenideologie)

Unter dem Einfluß der Romantiker wurde das aus der Germania des Tacitus begründete historische Deutschtum ergänzt mit neuen Elementen, die alle aus der "skandinavischen Renaissance" stammten. Als Reaktion auf die römische Kulturhegemonie hatte sich auch in den skandinavischen Ländern im 16.Jahrhundert eine Beschäftigung mit der eigenen Geschichte entwickelt. Durch archäologische Funde in ihrem Glauben bestärkt, sehen sich die Skandinavier dabei als die Nachkommen der Goten. Ähnlich wie in Deutschland entwickelte sich daraus sehr bald ein antithetisches Bild. Die Runenschrift der Goten wird als Beweis gesehen, daß es auch germanische Stämme zur Kunst des Schreibens gebracht haben. Es lag wohl am nationalen Nervenfieber der Zeit, daß sich daraus die These entwickelte, daß Skandinavien als officina gentium, als Werkstatt der Völker gelten muß, als vagina nationum, als Schoß der Völker. Die Roheit des Volkes, die Grausamkeit des Kultes und die Kriegsleidenschaft wurden mit der Wildheit der Natur entschuldigt. Da auf deutschen Boden nur römische Hinterlassenschaften gefunden wurden, entwickelt sich unter dem Einfluß von Romantikern eine Identifikation der altdeutschen mit der altnordischen Kultur. Vorbereitet wurde dieses Denken bereits von Herder in seinem "Iduna"-Aufsatz, wo die Forderung erhoben wird, daß jede Nation eine Mythologie haben müsse. Einer der Teilnehmer des fingierten Dialogs, Alfred, gibt die "Dürftigkeit" der Deutschen an "ausgebildeten Fiktionen " zu und meint, daß die "Mythologie eines benachbarten Volkes, auch Deutschen Stammes" hier Ersatz bieten könne.

Ernst Moritz Arndt (1769-1860)
Ernst Moritz Arndt
Als Väter des völkischen Denkens ,einem Denken , das die Anschauung vertritt, daß das Volk eine in sich geschlossene, nur auf sich selbst bezogene, fremder Einmischung nicht bedürftige Ganzheit, also ein aus den eigenen Ursprüngen entwickelter, natürlich gewachsener Organismus ist, gelten der Dichter Ernst Moritz Arndt, der als Turnvater der deutschen Nation bekannt gewordene Jahn und der Philosoph Fichte. Alle drei nahmen als festen Bezugspunkt die Germania des Tacitus.

Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, Ur - und Erzvater eines vulgären kraftmeierischen Nationalismus (so nennt ihn von See) , versuchte die Höherwertigkeit der Deutschen zu begründen. Seine Turngesellschaften sollten nicht nur körperliche Stärke schaffen, sondern vor allem Willenskraft, Gemeinschaftsgeist und Charakterstärke üben. Er schlug vor, Deutschland in Marke, Kreise und Gauen zu teilen und in der Mitte eines geeinigten Deutschlands eine Hauptstadt namens Teutonia zu setzen.
Ein weiterer Protagonist des völkischen Denkens , Ernst Moritz Arndt, schlug eine strenge Sondierung der Völker vor, die er mit dem christlichen Glauben begründete. Der Haß der Völker untereinander war dabei ein wichtiges Element seiner Theorie. "Darum laßt uns die Franzosen nur recht frisch hassen", so Arndt,"... Als Deutsche, als Volk bedürfen wir des Gegensatzes". Jahn weiter: "Gott hat die Verschiedenheit gefallen, denn Gott gefällt das Lebendige und ein lustiger Wettkampf der Kräfte"." Einmüthigkeit der Herzen sey eure Kirche, Haß gegen die Franzosen eure Religion, Freiheit und Vaterland seyen die Heiligen, bei welchen ihr anbetet."

Der Dritte im Bunde ,der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, spricht in seinen Reden an die deutsche Nation  einem geschlossenen Handelsstaat das Wort. Demnach dürfen die Bürger nur innerhalb des Deutschen Reiches Handel betreiben, Auslandsreisen müssen verboten werden, um "eine gänzliche Umschaffung" des Menschengeschlechts zu erreichen. Nur die Deutschen haben für Fichte die Fähigkeit, ein "Volk" zu bilden. Sie sind das "Urvolk" oder "das Volk schlechthin". Skandinavier schließt Fichte allerdings ausdrücklich ins Deutschtum ein. Sie sind die reinen, unver-mischten Germanen für ihn. Die Deutschen(= für Fichte die Germanen) verfügen über eine anschauliche, lebenskräftige Sprache, während die romanischen und romanisierten Völker nur eine aus einer Mischung hervorgegangene Sprache besitzen. Die geistige Bildung ist dadurch gespalten worden, was wiederum eine Spaltung in gebildete und ungebildete Stände hervorgerufen hat. Bei den Deutschen hat sich diese Aussonderung nach Fichtes Meinung erst durch ausländischen Einfluß ergeben. Sind die Deutschen erst zu ihrer nationalen Selbstbestimmung gelangt, wird ihre Aufgabe die Befreiung der Menschheit sein. Wegen seiner Betonung auf Volk und Nation als etwas dem Staat Vorausgehendes wurden Fichtes Reden am preußischen Hof auch von konservativen Kreisen abgelehnt.

Alle drei waren mit dem preußischen Staatsgebilde mehr oder weniger verbunden. Im Gegensatz zu diesen Vordenkern des Völkischen stand Preußen zu dieser Zeit, nach der verheerenden Niederlage gegen Napoleon, ganz unter einem aufklärerisch-humanitären Geist, in der völkisch-nationales Denken keinen Platz hatte. Die Juden erfuhren eine Aufwertung zu gleichwertigen Staatsbürgern, in vielen Provinzen des Landes mit starken nichtdeutschen Minderheiten war offizielle Zweisprachigkeit an der Tagesordnung.

Mit den beginnenden Freiheitskriegen gegen Napoleon und dem damit aufgehobenen Verbot nationalistischer Dichtung ergoß sich eine Flut von nationalistischer Zweckdichtung über die Staaten Deutschlands. Sie reichen von schauerlicher Totschlagslyrik eines Heinrich von Kleist "


(...)


„Gebet ihn den Fischen preis;
Dämmt den Rhein mit ihren Leichen;"

bis zu Arndts "Was ist des Deutschen Vaterland "in dem er sämtliche Provinzen, Land für Land aufzählt. Aber weder Preußenland, noch Österreich ist ihm genug, auch weite Teile von Slawen bewohnte Gebiete müssen's sein. Selbst der preußische König erließ nach langem ängstlichen Zögern einen Aufruf "An mein Volk", in dem er Preußen und Deutsche(!) auffordert, sich am Kampf gegen Napoleon zu beteiligen.

Die Gebildeten, damals etwa 2 % der Gesamtbevölkerung, waren in den Freiheitskriegen gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen mit 12 % der Freiwilligen um das Sechsfache überrepräsentiert. Nur die bäuerliche Bevölkerungsschicht und aus dieser vor allem Tagelöhner, die zu diesen Zeiten etwa dreiviertel der Gesamtbevölkerung ausmachten, waren mit insgesamt 18 % unterrepräsentiert. Das lag vorwiegend daran, daß Deutschland zu dieser Zeit immer noch eine Sprachnation war und nur eine bürgerliche städtische Elite den nationalen Diskurs dominierte. Die Fürsten versuchten bald nach dem Ende der Befreiungskriege den nationalen Bestrebungen ein Ende zu setzen, die ohnehin dem preußisch-österreichischen Dualismus zuwiderliefen. Mit der Gründung des Deutschen Bundes, dem Preußen und Österreich nur mit einem Teil ihres Staatsgebietes angehörten, sollte die innere und äußere Sicherheit Deutschlands und die Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der deutschen Staaten gewährleistet werden.
Zum Deutschen Bund, der aus 35 Mitgliedern bestand, gehörten auch die Könige von Großbritannien(Hannover) ,Niederlande (Luxemburg) und Dänemark(Holstein). Die nationalen Bewegungen hatten sich unter einer Nation jedoch etwas ganz anderes vorgestellt. Im Wartburgfest wird von völkischen Burschenschaftlern die Bundesakte verbrannt und die Fürsten kritisiert, die ihr Einheitsversprechen nicht erfüllt hätten. "Schandschriften des Vaterlandes" , unter anderem die des später von einem der Burschenschaftler ermordeten Dramatikers August von Kotzebue, wurden mit großem Gejohle verbrannt. Die von den Regierungen verabschiedeten Karlsbader Beschlüsse versetzten der gut organisierten Nationalbewegung den vorläufigen Todesstoß.

Aber auch im bürgerlichen Lager regt sich vereinzelt Widerstand gegen die Deutschtümelei der Völkischen:

"Der Geist, der sich in Hambach aussprach, ist grundverschieden von dem Geiste, oder vielmehr von dem Gespenste, das auf der Wartburg seinen Spuk trieb. Dort in Hambach, jubelte die moderne Zeit ihre Sonnenaufgangslieder und mit der ganzen Menschheit wurde Brüderschaft getrunken; hier aber auf der Wartburg, krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden  Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigen Mittelalters   würdig waren!(...) Mit welchem  kleinseligen Silbenstechen und  Auspünktelchen diskutierten sie über die Kennzeichen deutscher Nationalität! wo fängt der Germane an ? wo hört er auf ? ...Heinrich Heine,Ludwig Börne. Eine Denkschrift.

In Hambach hatten berühmte Redner sowohl eine auf Volksouveränität gegründete deutsche Einheit gefordert als auch eine Föderation der europäischen Demokratien.
Die völkische Bewegung hatte außer der Germania und den nordischen Mythen kein fundamentiertes theoretisches Konzept zur Verfügung. Dieses wurde erst durch die germanistischen Arbeiten der Gebrüder Grimm geliefert, die damit eine neue, mehr volkhafte Kulturtradition begründet haben. Durch ihre systematische Erforschung germanischer Altertümer, der bäuerischen Rechtsgewohnheiten, des volkstümlichen Märchengutes wurde der Grundstein zu einer neuen Bildungstradition gelegt. Der dänische Germanist Hammerich stellt später anerkennend fest, daß man erst mit Jakob Grimm erkannt habe, daß es eine Kultur des Volkes, nicht der herrschenden Klassen gibt. Das Erbe der Antike seit der Renaissance bezeichnete er als eine isolierte Kultur der herrschenden Klasse. Den Grimms ging es bei ihren Forschungen nicht um das Interesse einer Klasse, sondern um die organische Einheit des ganzen Volkes. Erst durch die populären Arbeiten der Grimms konnten breite Volksschichten angesprochen werden und ein auf breiter Basis sich entwickelndes nationales Gefühl entwickelt werden.

Zeitgleich mit den Grimms gewann die Bauernideologie mehr und mehr Bedeutung. Der Bauer mit seiner Bodenständigkeit und Schollengebundenheit wurde zur Idealfigur des völkischen Denkens. Auch bei dieser Ideologie spielte Tacitus' Germania eine Rolle. Doch anders als bei Tacitus wurden die Germanen in diesem Denken zu einem idealen Bauernvolk hochstilisiert. Hatte Tacitus die Germanen noch spöttisch so charakterisiert:
"Wenn sie nicht zu Felde ziehn, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen ergeben.(...)Die Sorge für Haus, Hof und Feld bleibt den Frauen, den alten Leuten und allen Schwachen im Hauswesen überlassen; sie selber faulenzen".(Tacitus, Germania)

so wurden sie in diesem neuen völkischen Denken als das Bauernvolk schlechthin dargestellt. Ackerbau und Handel stehen sich wie Gut und Böse in diesem Denken gegenüber. Der Widerwille der völkischen Denker gegen die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung der deutschen Staaten fand sich in der Vorstellung wieder, daß der Handel gegen die Natur ist, daß der gottgegebenen Ordnung gerade dadurch, daß er Weltteile und Völker miteinander verbindet und natürliche Bedürfnisse übergangen werden, nicht entsprochen wird. Bildung und Gelehrsamkeit würden das Volk von seinen natürlichen Anlagen entfremden und zur Aussonderung einer internationalistischen Oberschicht führen.

Mit der Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 war der entscheidende Schritt zur Wirtschaftsnation getan worden. Verschiedene liberale politische Gruppierungen sahen in einem wirtschaftlichen Engagement einen brauchbaren Weg zur nationalen Vereinigung, die vorläufig noch durch die Großmächte Preußen, Österreich, England, Rußland und Frankreich blockiert war. Es gehörten zwar bis 1842 von den 39 Staaten des Deutschen Bundes nur 28 dem Zollverein an, doch eröffneten sich vor allem für die Industrien in den beteiligten Staaten erweiterte Absatzmöglichkeiten. Der österreichische Staatsmann Metternich , der Gralshüter des europäischen Systems von 1815, sah in dieser Zollunion zwar höchst gefährliche Tendenzen für Österreich und die Gefahr, "daß die Beziehungen Österreichs zu den anderen deutschen Bundesstaaten ... auf die Länge erschlaffen und schließlich ganz abreißen würden ", verhindern konnte er sie nicht.

V. Das 2. Deutsche Kaiserreich





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