II.Prägende Schlüsselbegriffe der Frage : Was ist deutsch ? im 19.Jahrhundert

1. Volk
Der Begriff Volk ist ein Pauschalbegriff zur Bezeichnung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe mit einem bestimmten Kulturraum. In der wissenschaftlichen und politischen Diskussion gibt es keine einheitliche Wertung des Begriffs. Davon zu unterscheiden ist der Begriff der Volksgruppe, die je nachdem einer Mehr- oder Minderheit des Volkes angehört. Die UNESCO definiert Volk als Menschengruppe mit gemeinsamen körperlichen, sprachlichen und kulturellen Merkmalen. Vor allem seit Herder und den Romantikern ist der Begriff Volk ein wertgeladener, mit dem die heutige Ethnologie wenig anzufangen weiß. Man spricht deshalb heute unter dem Einfluß der französischen Ethnosoziologie mehr von ethnie und meint damit "eine natürliche Gruppierung, für deren Abgrenzung alle menschlichen Kennzeichen, seien es somatische, sprachliche oder kulturelle in Betracht kommen".


Französischen Revolution
Ballhaus
2. Nation
Der Begriff der Nation muß von dem des Volkes unterschieden werden. Auch er ist wertgeladen. Er ist mit der Amerikanischen und Französischen Revolution eng gekoppelt. Die Idee der Nation kann nur unter dem gewaltigen Transformationsprozeß verstanden werden, der das Europa des 18.Jahrhunderts aus seiner ständestaatlich-agrarischen Struktur ins Zeitalter der Industrialisierung und Massendemokratie überleitete. Hierbei ist vor allem auf den rapiden Bevölkerungsanstieg hinzuweisen, der alle Schranken der Ständestaaten sprengte und diese Entwicklung erst ermöglichte.

Zählte der Kontinent 1750 noch ca. 130 Millionen Einwohner, so waren es 1850 bereits 266 und am Vorabend des 1.Weltkriegs bereits 468 Millionen Menschen. Innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches von 1871  lebten um 1750 ca. 17 Millionen Menschen. 1850 waren es bereits 35,4 Millionen und um 1900  56,4 Millionen. Die Idee der Nation folgte dem Ruf der Umwertung aller Werte aus dieser Zeit, indem alte mythologische Bindungen an überholte staatliche Strukturen ersetzt wurden durch die auf Sprache und Geschichte beruhende Idee der Einheit des Volkes. Zusätzlich gewann durch den zahlenmäßigen Zuwachs des vierten Standes der Mythos der Klasse an Bedeutung, der in Konkurrenz zur Idee der Nation stand. Unter Nation wird eine Art "urwüchsige" Lebensgemeinschaft verstanden, der ein "natürliches" Recht auf ein eigenes politisches Gemeinwesen, auf politische Selbstbestimmung oder Souveränität zukommt.
Der Soziologe Max Weber sieht in diesem Begriff "im Sinne derer, die ihn gebrauchen, zunächst unzweifelhaft: daß gewissen Menschengruppen ein spezifisches Solidaritätsempfinden anderen gegenüber zuzumuten sei". Er schränkt allerdings ein, daß "weder darüber (...),wie jene Gruppen abzugrenzen seien, noch darüber, welches Gemeinschaftshandeln aus jener Solidarität zu resultieren habe", eine Übereinstimmung herrscht. Der Mangel an Homogenität und Übereinstimmung konnte deshalb oft nur mit bestimmten Ideologien und Zwangsgewalt kompensiert werden.

3. Rasse
Der Begriff Rasse spielt vor allem in der bio-anthropologischen Forschung eine große Rolle. Die neuere Forschung, inzwischen um objektivere Kriterien des Rassebegriffs bemüht, geht mittlerweile von
Houston Stewart Chamberlain(1855-1927 )
Houston Stewart Chamberlain
der Annahme aus, daß alle Rassen einen gemeinsamen Ursprung haben und spätere Änderungen der physischen Merkmale auf Wanderbewegungen, Isolation, Mutation und physische Anpassung zurückgehen. Die Annahme, daß anhand der verschiedenen Blutgruppen Kriterien zur Rassendifferenzierung gebildet werden könnten, verliert mit der wachsenden Einsicht in die komplizierten Zusammenhänge der Blutchemie an Bedeutung. Auch hat sich herausgestellt, daß der Merkmalsspielraum innerhalb jeder Rasse so beträchtlich ist, daß Merkmalsüberschneidungen zu anderen Rassen nicht zu vermeiden sind. Das Märchen von der Rassenungleichheit mit den als höherwertig eingestuften Ariern geht, wie wir noch hören werden, auf Arthur de Gobineau, Houston Chamberlain und andere zurück und hat einen wesentlichen Einfluß auf das Deutschtum ausgeübt.

4. Raum
Der Lebensraum des deutschen Volkes hat sich, wie wir in der Einleitung gehört haben, nie mit dem politisch beherrschten Raum der deutschen Geschichte gedeckt. Auch waren die durch die damaligen Großmächte garantierten territorialen Rechte der deutschen Fürsten eine bewußte Strategie europäischer Gleichgewichtspolitik. Ein einiges Deutschland paßte nicht in dieses Konzept, das das europäische Gleichgewicht empfindlich gestört hätte. Die sich aus den Freiheitskriegen gegen die französische Okkupationsmacht entwickelnde Nationalidee war deshalb


immer gekoppelt mit der Idee eines großdeutschen Raumes. Deutsche Siedler waren vielen Territorialstaaten in der Vergangenheit willkommen gewesen und waren, bevor völkische und nationale Ideen an Bedeutung gewannen, kein Problem für diese Staaten. Erst die später auf Expansion deutschen Lebensraum Richtung Osten ergänzte Strategie der Völkischen trieb einen verhängnisvollen nationalen Keil zwischen slawischen Volksgruppen und deutschen Minderheiten.



III. Entstehung und Entwicklung der deutschen Sprache





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