I. Einleitung : Was ist deutsch ?

Nur wer die Nation nicht achtet…
… braucht ihrer auch nicht zu gedenken. Und wer wirklich sparen will, sollte dann bei der Streichung des „Tages der deutschen Einheit“ keinesfalls Halt machen , Robert Leicht in Die Zeit

Die aufkommende Patriotismusdebatte in Deutschland wirft die uralte Frage auf: Was ist deutsch?

Was ist des Deutschen Vaterland
Ist’s Preußenland ?Ist's Schwabenland ?
Ist's,wo am Rhein die Rebe glüht ?
Ist's wo am Belt die Möwe zieht ?
O nein ! Nein ! Nein !
Sein Vaterland muß größer sein !
Ist's Land der Schweizer ? Ist's Tirol?
Das Land und Volk gefiel mir wohl;
(...)
Soweit die deutsche Zunge klingt
und Gott im Himmel Lieder singt
Das soll es sein !
Das,wackerer Deutscher,nenne dein!
Von der Nordsee bis zu den Karpaten,
von der Ostsee bis zu den Alpen,
von der Weichsel bis zur Schelde

Ernst Moritz Arndt,1813

Was ist deutsch ? So einfach die Frage klingen mag, so komplex und vielschichtig ist ihr Verlauf in der deutschen Geschichte. Wenn man sich angesichts der Vereinigung der zwei deutschen Staaten  den Satz "Es muß zusammenwachsen, was zusammengehört" durch den Kopf gehen läßt, so bleibt die Frage nicht aus: Was gehört zusammen ? Denn um die deutsche Einheit wird bereits seit mehr als 200 Jahren gestritten und das, was des Deutschen Vaterland, was deutsch ist, konnte nie zufriedenstellend definiert werden.

Allein ,"daß man die Frage stellen konnte: Was ist des Deutschen Vaterland ?... zeigt wie anders wir dran sind als andere".(Carlo Schmid, 1972)
Bei der am 3.Oktober 1990 vollzogenen Einigung handelte es sich um zwei deutsche Staaten, die sich vereinigen wollten und damals waren es vor allem die politischen Führungen, die die Einigung unter mehr oder weniger starkem nationalen Druck herbeiführen wollten bzw. durch das Vereinigungsgebot im Grundgesetz herbeiführen mußten. Die kulturellen Voraussetzungen waren im Gegensatz zu früher auch gegeben. Das Deutschland des 18.Jahrhundert jedoch sah aufgrund der Folgen des Dreißigjährigen Krieges ganz anders aus: aufgesplittert in hunderte von Territorialstaaten mit absolutistischen Fürsten, die eifersüchtig auf ihre im Westfälischen Frieden von den Großmächten garantierten territorialen Rechte achteten.

Deutschland
Deutschland
Eine Einigung von oben war darum nicht zu erwarten, weil erstens ein Nationalgefühl der Deutschen noch nicht vorhanden war und zweitens keiner der an der höfischen Kultur Frankreichs orientierten deutschen Fürsten für ein derartiges Einigungsstreben Interesse gezeigt hätte und drittens das Heilige Römische Reich Deutscher Nation mit seinen Habsburger Kaisern seit dem Mittelalter zu schwach war, um in dieser Richtung irgend etwas auszurichten.
Die Ideen nationaler Staatenbildungen begannen vor zweihundert Jahren, ausgelöst durch die Amerikanische und Französische Revolution, erst zu reifen und hatten im Heiligen Römischen Reich aufgrund der oben dargestellten Zustände wenig Chancen auf Verwirklichung. Die einzige Klammer, die das Reich kulturell zusammenhielt, die deutsche Sprache, war substantiell zu wenig, um der Idee eines Nationalstaates die nötige Schubkraft zu verleihen.

Anders als in anderen europäischen Staaten fehlt in der deutschen Geschichte jede Kontinuität:
- in räumlicher Hinsicht,
weil es unsinnig wäre, den jeweils größten deutschen Staat zu betrachten und damit eine Kontinuitätslinie zu konstruieren, bei der dann nacheinander die Niederlande, die Schweiz, Luxemburg und schließlich die DDR sich abspalteten. Der räumliche Ansatz erweist sich auch insofern als unbrauchbar, da der Raum der deutschen Geschichte nur durch die Nord- und Ostsee im Norden und durch die Alpen im Süden abgegrenzt war, nach Westen und Osten jedoch ohne natürliche Grenzen war. Er dehnte sich in beide Richtungen aus ,zog sich wieder zusammen oder überlagerte sich. Das Gebiet der politischen Herrschaft deckte sich meist nie mit dem Siedlungsraum.
Das Karolinger Reich
Das Karolinger Reich
- aus inhaltlicher Sicht,
weil das Heilige Römische Reich entgegen anderslautender Darstellungen nie ein Nationalstaat war, sondern ein übervolkliches Gebilde, in dem Franzosen, Tschechen, große Teile Italiens und andere Völker eine ebenso große Rolle gespielt haben. Es waren nationalliberale Historiker im 19.Jahrhundert, die dem alten Reich zu Unrecht unterstellten, ein deutsches Reich gewesen zu sein, um so ihr Konzept einer durchgehenden nationalstaatlichen Geschichte gegen die Fakten zu retten. Es wurden nur die Teile des deutschen Reiches untersucht, die tatsächlich auf heutigem deutschen Boden lagen. Die anderen Teile wurden geflissentlich unter dem Tisch gekehrt. Um die Frage Was ist deutsch ? zufriedenstellend beantworten zu können, bleibt uns daher nur ein Exkurs in die historischen Zusammenhänge übrig. Dabei sollen wichtige geschichtliche Ereignisse zwar erwähnt werden, unser Hauptaugenmerk soll sich aber immer auf die Entwicklung des Begriffs deutsch richten, genauer auf die kulturhistorische Entwicklung von der ursprünglich sprachgeschichtlichen Herkunft zur politisch-verbrämten Utopie eines sich auf die Germanen berufenden Deutschtums. Dabei werden wir immer wieder auf eine Schrift stoßen, die zu der unheilvollen Entwicklung der Frage : Was ist deutsch? einen entscheidenden Anteil geliefert hat: Auf die Germania des römischen Bürokraten und Schriftsteller Tacitus.

Bevor wir uns mit dem geschichtlichen Werdegang des Deutschtums befassen, müssen zum besseren Verständnis die Schlüsselbegriffe des die Deutsche Frage prägenden 19.Jahrhunderts angesprochen werden.

II.Prägende Schlüsselbegriffe der Frage : Was ist deutsch ? im 19.Jahrhundert





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