Fremdeln muss sein

Ein fremdelndes Baby auf dem Arm seiner Eltern

Alle Eltern kennen das: Eben noch strahlt ihr Kind jeden Fremden an, und plötzlich ist alles anders. Das Kleine hat jetzt Angst vor Menschen, die ihm nicht sehr vertraut sind. Das schließt oft Oma und Opa und Mamas beste Freundin ein.

Fremdeln“ nennt man dieses Verhalten oder auch „Acht-Monats-Angst“, weil es bei vielen Babys dann zum ersten Mal auftritt. Manche Kinder beginnen schon früher damit, andere dagegen erst mit einem Jahr.

Ein neuer Entwicklungsschritt

„Das Kleine kann jetzt zwischen Vertrautem und Unbekanntem unterscheiden“, sagt Dr. Gabriele Haug-Schnabel von der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen. Zwar registrieren Babys bedeutend früher, ob ein Fremder in ihre Nähe kommt. Aber erst vom siebten, achten Monat an werden ihnen die Unterschiede zwischen Menschen bewusst.

Kein Wunder, dass die Kleinen jeden Neuankömmling erst mit ernstem Gesicht mustern und betrachten. Und notfalls auf Distanz gehen. Das sollten die betroffenen Erwachsenen und die Eltern nicht persönlich nehmen. „Wenn Kinder vorsichtig auf ein neues Gesicht reagieren, setzt das keine schlechten Erfahrungen voraus“, erklärt die Verhaltensbiologin. „Es wird jetzt einfach genauer hingekuckt.“

Eine Kindersicherung der Natur

Das Fremdeln wirkt wie eine „Kindersicherung“ der Natur. Kleine Forscher entdecken jetzt ihre nähere und weitere Umgebung, fangen an zu krabbeln und auszubüchsen. Das Fremdeln sorgt dafür, dass Babys immer noch in erreichbarer Nähe von Mama und Papa bleiben. „Fremdeln schafft die Voraussetzung für ein gewisses Misstrauen“, sagt die Expertin.

Nach der Fremdelphase ist das Kind Unbekannten gegenüber weitaus distanzierter als vorher. Und das ist gut so: „Vorsichtig zu sein, lohnt sich, um die Zahl der Enttäuschungen und negativen Erfahrungen möglichst gering zu halten. Vor allem in einem Alter, in dem man dauernd neue Erfahrungen macht, der Radius immer größer und die Umwelt ‚gefährlicher‘ wird“, so Dr. Haug-Schnabel.

Individuell verschieden

Wie stark die Kleinen fremdeln und wie lange diese Phase andauert, ist von Kind zu Kind verschieden. Babys haben ein bestimmtes Temperament, manche sind früh aufgeweckt und forsch, andere sind eher zurückhaltend und warten lieber ab. Daneben spielen Erfahrungen aus der Familie eine große Rolle.

„Eine Mutter, die selbst stark ‚fremdelt‘, hat oft auch ein stark fremdelndes Kind“, erklärt die Verhaltensbiologin. Kontaktfreudige Mütter haben weniger fremdelnde Kinder. Sie vermitteln den Kleinen durch ihre entspannte Körperhaltung im Umgang mit anderen: Alles in Ordnung, du musst keine Angst haben!

Spiegel des Gegenübers

Wie stark ein Baby fremdelt, hängt vom Gegenüber ab. So haben Beobachtungen gezeigt, dass Kinder auf Menschen, die ihren Bezugspersonen besonders ähnlich sind, weniger ablehnend reagieren. Wichtig ist, wie sich die fremden Erwachsenen dem Kind gegenüber verhalten. Sind sie zu laut? Wahren sie Abstand oder kommen sie ihm zu schnell zu nahe?

Wollen sie es auf den Arm nehmen? Hier heißt das Geheimrezept Geduld: Je langsamer man sich dem Kleinen nähert, desto größer ist die Chance, mit einem Lächeln belohnt zu werden. Um Vorsicht können Eltern Freunde und Verwandte ruhig bitten. Mütter und Väter sollten das Fremdeln auf jeden Fall selbst akzeptieren und nicht versuchen, dagegen anzukämpfen. Letztlich können Eltern das Fremdeln als ein großes Kompliment ansehen: Es ist ein Beweis ihres Babys, wie sehr es ihnen vertraut und sie braucht.

Foto: © klickerminth – Fotolia.com

RWG Redaktion

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