Helicobacter pylori: Die clevere Taktik des Magenkeims

Seit Jahrtausenden lebt die Menschheit mit dem Magenkeim Helicobacter pylori. Erst vor zwanzig Jahren entdeckten Mediziner diesen hartnäckigen Begleiter. Mittlerweile brachte die Forschung einiges über das Bakterium in Erfahrung. Und wie es ihm gelingt, die Abwehr des Magens auszutricksen.

Helicobacter pylori überträgt sich oft im Kindesalter von Mensch zu Mensch. Der Magenkeim löst Entzündungen der Magenschleimhaut, Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre sowie Magenkrebs aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von einer Infektion von über der Hälfte der Weltbevölkerung aus.

In Ländern mit schlechter Trinkwasserqualität und niedrigem hygienischen Standard verbreitet sich Helicobacter pylori schneller als in den Industrienationen, weil unter solchen Lebensbedingungen häufiger Durchfallerkrankungen auftreten. Bei Durchfall wandern die Bakterien aus dem Magen schnell durch den Verdauungstrakt. Der Mensch scheidet sie in infektionsfähigem Zustand.

Seit Jahrtausenden im Gepäck

Unsere Vorfahren litten unter den unangenehmen Auswirkungen einer Infektion mit Helicobacter pylori. Wissenschaftler belegten: Der Keim treibt seit mindestens 11.000 Jahren sein Unwesen. Diese Erkenntnis gewannen sie beim Vergleich des Erbguts von Helicobacter-Proben aus aller Welt. Abhängig vom Herkunfts-Kontinent wiesen sie deutliche Unterschiede in der Erbsubstanz auf.

Im Laufe der Untersuchungen stellten die Forscher fest: Die Bakterien aus den Mägen amerikanischer Ureinwohner gehören zur gleichen Familie wie die Helicobacter-pylori-Varianten aus Ostasien. Das erlaubt nur einen Schluss: Als Menschen vor 11.000 Jahren von Asien aus Nordamerika besiedelten, brachten sie die Keime mit.

Schleim schützt Keim

Die Fachwelt hielt lange an der Vorstellung fest, das saure Milieu des Magens töte alle Bakterien ab. Das erklärt, warum wir Helicobacter pylori so spät fanden. Die Forscher haben im Magen nicht intensiv nach Bakterien als mögliche Auslöser für Magenentzündungen gesucht. Wie schafft es Helicobacter pylori, in dieser ungemütlichen Umgebung zu überleben? Das verdankt er einer Selbstschutzmaßnahme des Magens.

Der Magen besteht zum größten Teil aus Muskeln und ist der aggressiven Magensäure ausgesetzt. Um ihn zu schützen, produzieren Drüsen in der Magenwand zähen Schleim. Er kleidet die gesamte Innenfläche des Organs aus und hält die aggressiven Verdauungssäfte auf Distanz. Helicobacter pylori nutzt diese Schleimschicht und nistet sich dort ein. Er bleibt in den säurearmen Bereichen der Schicht nahe der Magenwand.

Gegen den Strom

Das Bakterium hüllt sich in eine Wolke aus Ammoniak. Er neutralisiert Säure. Die Oberfläche der Schleimschicht bedarf ständiger Erneuerung. Die Drüsen in der Magenwand liefern laufend große Mengen des Schleims nach. Helicobacter pylori schwimmt gegen diesen Strom an, um nicht in die sauren Außenbereiche abzudriften. Er orientiert sich am Säuregehalt des Schleims.

Zu seiner Bekämpfung funktionieren bakterientötende Antibiotika darum nur in Kombination mit einem Magensäure-Blocker. Durch den Säureblocker sinkt der Säurewert im Schleim und die Bakterien verlieren die Orientierung. Sie verteilen sich im gesamten Schleim und die Antibiotika erreichen sie leichter.

Zunehmende Resistenzen

Die sog. „Tripeltherapie“ gilt als beste Behandlung, um Helicobacter pylori aus dem Magen zu vertreiben. Patienten nehmen eine Woche lang einen säurehemmenden Wirkstoff mit zwei verschiedenen Antibiotika ein. Bei einer erstmaligen Diagnose der Bakterien beginnt die Therapie ohne weitere Vorkehrungen. Danach kontrollieren Ärzte mit Atem- oder Stuhltests den Erfolg der Behandlung.

Bei Patienten, die innerhalb des vorangegangenen Jahres bereits Antibiotika eingenommen haben, steht zu befürchten, dass die Keime gegen einzelne dieser Wirkstoffe resistent sind. Im Labor wird dann erst getestet, auf welche Antibiotika die Bakterien empfindlich reagieren, um die richtige Kombination der Präparate zu wählen.

Magenbeschwerden nicht zwangsläufig

Kürzlich entdeckte ein internationales Forscherteam einen wichtigen Mechanismus, wie Helicobacter pylori Magenbeschwerden auslöst. Mithilfe eines nadelartigen Fortsatzes dringt der Keim in die Zellen der Magenwand ein und injiziert eine Substanz.

So bemerkt das Immunsystem den Eindringling und leitet eine Entzündungsreaktion ein. Nicht alle Stämme des weit verbreiteten Magenkeims besitzen diese spitzen Zellwandbestandteile. Das erklärt nach Ansicht der Forscher, warum nicht alle mit Helicobacter pylori infizierten Menschen eine Magenschleimhautentzündung bekommen.

RWG Redaktion

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