Chronisch kranke Mutter, gesundes Kind

Auch mit chronischen Erkrankungen kann man getrost schwanger werden.

Frauen, die unter Diabetes, Bluthochdruck oder einer anderen chronischen Erkrankung leiden, haben heute gute Chancen, fit durch die Schwangerschaft zu kommen und ein kerngesundes Baby zur Welt zu bringen. Eine optimale medizinische Betreuung ist für Risikopatientinnen jedoch unverzichtbar.

Der medizinische Fortschritt macht’s möglich

Viele junge Frauen, die seit ihrer Kindheit unter Diabetes leiden, die von Rheuma, Asthma oder anderen chronischen Beschwerden geplagt werden, wünschen sich dennoch sehnlichst ein Baby. Was früher für Mutter und ungeborenes Kind lebensgefährlich war, ist heute beinahe alltäglich geworden:

Der medizinische Fortschritt hat es möglich gemacht, dass Frauen mit bestimmten chronischen Krankheiten schwanger werden „dürfen” und ein gesundes Baby zur Welt bringen können. Erfreulicherweise verlaufen die Schwangerschaften dieser Risikopatientinnen oft sogar ohne nennenswerte Komplikationen.

Medizinische Betreuung ist sehr wichtig

„Wichtige Voraussetzung dafür ist jedoch eine individuelle medizinische Betreuung der Risikoschwangeren durch den Gynäkologen und einen auf die Erkrankung spezialisierten Facharzt”, erläutert der Hamburger Frauenarzt Dr. med. Thomas Gent, der in seiner Praxis auch viele Risikopatientinnen betreut. „Viele chronische Erkrankungen machen besonders engmaschige Kontrolluntersuchungen der werdenden Mutter notwendig. So müssen beispielsweise Diabetikerinnen oder Hypertonikerinnen etwa doppelt so häufig zur Vorsorge in die Praxis kommen wie kerngesunde Schwangere.”

Egal ob Arthritis, Bluthochdruck oder allergisches Asthma – die meisten chronisch kranken Frauen sind dauerhaft auf Medikamente angewiesen. Während einige Präparate auch in der Schwangerschaft eingenommen werden dürfen und müssen, bergen andere Gefahren für das ungeborene Kind. Vor allem im ersten Schwangerschaftsdrittel, wenn sich die Organe des Babys bilden, sind bestimmte Arzneien tabu.

“Auch aus diesem Grund rate ich Frauen mit chronischen Erkrankungen, ihre Schwangerschaft im Vorfeld zu planen”, so Dr. Thomas Gent. „Über ihren Kinderwunsch sollten Betroffene zunächst mit dem Gynäkologen und dem behandelnden Facharzt sprechen. Dann ist es beispielsweise möglich, problematische Medikamente schon vor der Empfängnis durch unbedenkliche Arzneien zu ersetzen.”

Gute Planung – geringes Risiko

Welche Vorbereitungen auf Schwangerschaft und Geburt sinnvoll und notwendig sind, hängt natürlich von der individuellen Erkrankung ab. Und auch die Risiken für Mutter und Kind variieren von Krankheitsbild zu Krankheitsbild.

„Deshalb ist es kaum möglich, chronisch kranken Frauen allgemeine Empfehlungen mit auf den Weg zu geben”, weiß der Hamburger Gynäkologe. “Wichtig ist es jedoch unabhängig vom Krankheitsbild, die Empfehlungen des Arztes ernst zu nehmen und bei Unregelmäßigkeiten im Schwangerschaftsverlauf sofort in die Praxis zu kommen. Dringend rate ich chronisch kranken Frauen außerdem von einer Entbindung im Geburtshaus oder gar in den eigenen vier Wänden ab. Vielmehr ist für diese Risikopatientinnen ein Krankenhaus mit Säuglings-Intensivstation der Geburtsort der Wahl.”

Was bei häufigen chronischen Erkrankungen vor allem zu berücksichtigen ist:

Diabetes

Das Problem: Viele Schwangere leiden unter der Stoffwechselstörung Diabetes und sind auf eine Behandlung mit Insulin angewiesen. Da während der Schwangerschaft alle Stoffwechselvorgänge des Körpers auf den Kopf gestellt werden, wechselt auch der Insulinbedarf der werdenden Mutter ständig.

Im ersten Drittel der Schwangerschaft nimmt er ab, um dann im zweiten und letzten Drittel anzusteigen und gleich nach der Geburt wieder abzufallen. Dieser schnelle Wechsel erschwert eine optimale Einstellung des Blutzuckerspiegels, die jedoch für die Gesundheit von Mutter und Kind unverzichtbar ist.

Die Risiken: Die Risiken für Fehlbildungen des Kindes und für eine Fehlgeburt sind bei Diabetikerinnen erhöht. Bei guter Einstellung der Blutzuckerwerte können diese Risiken jedoch drastisch gesenkt werden. Die Wahrscheinlichkeit, das auch das Kind einen Diabetes entwickelt, liegt bei etwa fünf Prozent. Zu den Risiken der werdenden Mutter gehört die Gefahr einer diabetischen Netzhautveränderung.

Leidet die Frau durch den Diabetes bereits unter einer eingeschränkten Nierenfunktion, kann dies ebenfalls nachteilige Auswirkungen auf die Schwangerschaft haben (z. B. erhöhtes Risiko einer Gestose, Gefahr einer Frühgeburt). Darüber hinaus haben Diabetikerinnen ein erhöhtes Risiko für Infektionskrankheiten.

Die medizinische Betreuung: Um Probleme – vor allem Entgleisungen des „Zuckers” – zu vermeiden, sind regelmäßige Messungen des Blutzuckerspiegels unverzichtbar; jeden Tag zu Hause und einmal pro Woche beim Diabetologen oder Frauenarzt. Die Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen sollten zunächst alle 14 Tage, im letzten Schwangerschaftsdrittel wöchentlich stattfinden.

Das Fazit: Diabetikerinnnen sind Risikoschwangere, bei denen besonders engmaschige Kontrolluntersuchungen notwendig sind. Eine optimale Einstellung des Blutzuckerspiegels ermöglicht es heute, die Risiken für Mutter und Kind zu minimieren.

Bluthochdruck

Das Problem: Frauen mit Blutdruckwerten ab 140 mmHg systolisch und 90 mmHg diastolisch zählen zu den behandlungsbedürftigen Hypertonikerinnen. Oft geht der Bluthochdruck mit einer chronischen Nierenerkrankung einher, was in der Schwangerschaft eine besonders ungünstige Kombination ist.

Vor allem im letzten Schwangerschaftsdrittel besteht für betroffene Frauen ein hohes Risiko, eine “Schwangerschaftsvergiftung” (Gestose) zu entwickeln. Die Gefahr, dass der Blutdruck unkontrolliert in die Höhe klettert, besteht etwa ab der 20. Schwangerschaftswoche (SSW).

Die Risiken: Risiken bestehen für Mutter und Kind, wenn der Blutdruck entgleist, sprich deutlich über den Normalwert steigt. Denn ein sehr hoher Blutdruck hat eine Minderversorgung der Plazenta zur Folge, so dass Babys von Hypertonikerinnen oft zu klein und/oder mangelentwickelt zur Welt kommen. Auch das Risiko einer Fehlgeburt ist erhöht. Für die Mutter kann ein unkontrolliert hoher Blutdruck lebensgefährlich werden, weil Arterien platzen und Hirnblutungen verursachen können. Auch die Gestose ist für Mutter und Kind eine potentielle Gefahr.

Die medizinische Betreuung: Auch in der Schwangerschaft muss Hypertonie mit Medikamenten therapiert werden, wobei nicht alle Blutdrucksenker geeignet sind. Zur Behandlung kommen vor allem Alpha-Methyldopa in Frage, die das Ungeborene nicht schädigen. Auch einige Betablocker sind geeignet, während beispielsweise Diuretika und ACE-Hemmer nicht zum Einsatz kommen dürfen. Weil manche blutdrucksenkenden Arzneimittel zu Schädigungen des Ungeborenen führen können, ist es so wichtig, die Schwangerschaft zu planen und im Vorfeld zur Beratung zum Arzt zu gehen.

In der Schwangerschaft sind neben der täglichen Selbstmessung des Blutdrucks auch regelmäßige Kontrollen der Leber- und Nierenwerte durch den Hausarzt erforderlich. Die Vorsorge beim Frauenarzt sollte zunächst alle 14 Tage, ab etwa der 24. SSW wöchentlich erfolgen. Oft werden betroffene Frauen zu diesem Zeitpunkt auch krank geschrieben, um Stress weitestgehend auszuschalten. Die Kinder kommen häufig per Kaiserschnitt zur Welt.

Das Fazit: Regelmäßige Blutdruckmessungen, Kontrolluntersuchungen beim Arzt und eine überwiegend stressfreie Zeit mit Babybauch können entscheidend dazu beitragen, dass die Schwangerschaft trotz Hypertonie komplikationslos verläuft. Vorsicht ist vor allem „nach der Halbzeit” geboten.

Asthma

Das Problem: Etwa jede 100. werdende Mutter leidet unter Asthma, einer Atemwegserkrankung, deren Entwicklung in der Schwangerschaft nicht vorhersehbar ist. Bei etwa einem Drittel der Frauen bessern sich die Symptome, bei einem Drittel verschlechtern sie sich und bei einem Drittel treten keine Veränderungen ein. Asthmatikerinnen sind auch in der Schwangerschaft auf Medikamente angewiesen.

Die Risiken: Bei Asthmatikerinnen kommt es etwas häufiger zu Gestosen und Frühgeburten, wahrscheinlich durch eine notwendige Dauermedikation mit Kortison. Beruhigend: Hinweise auf eine erhöhte Fehlbildungsrate des Babys durch die Einnahme dieser Arzneimittel gibt es nicht. Es besteht jedoch ein erhöhtes Risiko, dass die Krankheit vererbt wird, also auch das Kind Asthma bekommen wird. Dank der intensiven medizinischen Betreuung heißt es auch bei Risikogeburten immer häufiger: Mutter und Kind okay

Die medizinische Betreuung: Asthma wird vor allem mit Kortisonpräparaten (oft in Form von Sprays zum Einatmen) und mit Chromoglycinsäure behandelt – beide Arzneimittelgruppen dürfen auch während der Schwangerschaft – wie ärztlich verordnet – eingenommen werden. Bei allergischem Asthma sollten werdende Mütter die allergieauslösenden Substanzen (Allergene) weitgehend meiden, was Asthmaanfälle verhindern und den Arzneimittelbedarf senken kann.

Neben der Vorsorge beim Frauenarzt steht für schwangere Asthmatikerinnen auch der Besuch beim Lungenarzt auf dem Programm. Im Mutterpass wird sicherlich vermerkt, dass die Frau nach der Geburt nicht mit Prostaglandin behandelt werden darf.

Das Fazit: Eine komplikationslose Schwangerschaft ist für Asthmatikerinnen sehr wahrscheinlich, die Risiken für das Baby sind vergleichsweise gering.

Quelle: Ja zum Baby 3/2004

Foto: © puhhha – Fotolia.com

RWG Redaktion

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