Ist der Kiefer schuld?

Viele Beschwerden können auf Kieferprobleme zurückführen.

Richtig kauen und befreit lachen. Charlotte Heitz-Fahrein freut sich über die mit einer Brücke perfekt geschlossene Zahnlücke im unteren Kiefer. Beschwingt geht die 59-Jährige vom Zahnarzt nach Hause. Sie steht erst am Anfang ihrer Probleme. Am nächsten Tag spürt sie: Beim Zusammenbeißen fühlt es sich fremd im Mund an. Anfangs sicher normal, denkt sie. Kurze Zeit später hat sie sich daran gewöhnt und vergisst ihre Brücke für viele Jahre.

In ihrem Körper kommt eine fatale Kettenreaktion in Gang. Wie bei Millionen anderen, die davon nichts ahnen. Passen die Zähne im Kiefer für Bruchteile eines Millimeters nicht aufeinander, verschieben sich die Knochen des Ober- und Unterkiefers minimal zueinander. Einzelne Muskeln verkürzen. Experten nennen das Cranio-Mandibuläre-Dysfunktion (CMD).

Trügerische Symptome

Dies betrifft 80 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer. Vor allem ältere, weil sich eine CMD im Kiefer oft langsam über Jahre oder Jahrzehnte entwickelt. Und das Tückische ist: Das Kiefergelenk macht oft keine Beschwerden. Die treten an anderer Stelle im Körper auf. Selbst viele Ärzte wissen nicht, dass beispielsweise:

  • Schmerzen hinter dem Auge,
  • Ohrgeräusche (Tinnitus),
  • Rückenschmerzen,
  • Beckenschiefstand,
  • Probleme mit den Knien

und weitere Symptome ihre Ursache im Kiefer haben. So wie bei Charlotte Heitz-Fahrein. Sie litt jahrelang unter migräneartigen Kopf- und schlimmen Nacken- und Rückenschmerzen. Bei ihr löste die neue Brücke eine Fehlstellung des Kiefers aus. „Das Problem wirkt auf den ganzen Körper“, sagt Dr. Andrea Diehl. Sie ist Zahnärztin und CMD-Expertin aus Berlin.

Warnsignale an anderer Stelle

Einzelne Muskeln des Körpers greifen wie Ketten ineinandergreifen. Die Muskeln des Kiefers stehen mit denen des Nackens in Verbindung. Die mit denen der Wirbelsäule, die mit denen der Hüften, die mit denen der Oberschenkel usw. „So wirkt der Kiefer bis in die Füße“, erklärt Diehl. Oft kennen und erkennen weder Hausärzte noch Fachärzte diesen Zusammenhang.

„Oft sind es die Patienten, die bei scheinbar nicht therapierbaren Kopf- oder Rückenschmerzen den Anstoß geben und zum Zahnarzt gehen“, so Diehl. Manchmal signalisiert das Kiefer-Gelenk selbst, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmt. Wer Anzeichen wie zum Beispiel

  • Schmerzen,
  • ein Gefühl der Blockade,
  • lautes Knacken
  • und auffällige Bewegungen

bei sich beobachtet, sollte ebenso dringend einen Termin beim Zahnarzt machen. Dieser untersucht den Kiefer oder überweist zum Kieferorthopäden. Nötig sind dann diese Tests.

Der Arzt:

  • hört ab, ob das Gelenk krankhafte Geräusche macht, wenn es sich bewegt;
  • ertastet mit seinen Händen, ob die Kiefer-Muskeln verspannt sind;
  • misst, ggf. mit speziellen Geräten, wie weit man den Unterkiefer ohne Beschwerden bewegen kann;
  • macht ggf. Röntgenbilder bzw. MRT-Aufnahmen, um zu sehen, ob es Zeichen von Verschleiß im Gelenk gibt.

Verschiedene Ursachen

Stellt sich ein Problem mit dem Gelenk im Kiefer heraus, ist CMD mit Geduld gut zu behandeln. Dazu muss der Arzt vor allem die Ursache für die CMD finden und beheben. Dazu gehören:

  • fehlende Zähne
  • über- oder Unterbiss wegen schief stehender Zähne
  • Brücken, Kronen oder Implantate, die minimal zu hoch oder zu niedrig sind
  • nicht optimal sitzende Zahn-Prothesen.

Nächtliches Knirschen mit den Zähnen kann CMD im Kiefer auslösen. Vorbeugend hilft eine angepasste Biss-Schiene. Gehen Sie parallel die Ursache des Knirschens an. Dazu zählt unverarbeiteter Stress. Wir nehmen ihn mit in den Schlaf. Um diesen abzubauen, empfiehlt die Zahnärztin Andrea Diehl Meditation oder Atemübungen.

Den ganzen Körper im Blick

Diehl beobachtet: „Viele nutzen Knirsch-Schienen. Diese sitzen aber bei zwei von dreien nicht perfekt und lösen so wieder CMD aus.“ Ihr Rat: Lassen Sie Biss-Schienen von ausgewiesenen Kiefer-Experten anpassen. Dr. Diehl  warnt vor einseitigem Betrachten von CMD. Manchmal liege die wahre Ursache nicht im Kiefer. Durch die verketteten Muskeln ist der umgekehrte Weg möglich.

Sitzt jemand falsch oder hat verspannte Rückenmuskeln, wirkt sich dies negativ auf den Kiefer aus. Andrea Diehl hatte eine Patientin, bei der ein Dammschnitt während der Geburt viele Jahre später zu Kieferproblemen führte. Deshalb müssen Ärzte den ganzen Körper betrachten. So wie bei Charlotte Heitz- Fahrein.

Ein weites Spektrum an Beschwerden

Durch Zufall kam die 59-Jährige in die Praxis der Kieferspezialistin. Als ihre alte Zahnärztin in Rente ging, empfahl diese sie an Dr. Diehl weiter. Ein Glücksfall. Diehl erkannte dank ihres ganzheitlichen Ansatzes, dass die Beschwerden ihrer Patientin vom Kiefer ausgingen.

Die Zahnärztin schliff die schlecht sitzende Brücke korrekt ein. Sie fand heraus, dass Charlotte Heitz-Fahrein als Lehrerin beruflich unter großem Stress stand und regelrecht die Zähne zusammenbiss, wenn’s in der Schule hoch herging. Entsprechend behandelte Sie das Leiden an ihrem Kiefer.

Spezielle Therapien bei einer Physiotherapeutin lösten die verspannten Muskeln am Kiefer. Und gegen den Stress macht Charlotte Heitz-Fahrein seitdem Übungen zum Entspannen. Mit Erfolg: Die Migräne-Schmerzen gingen; das befreite Lächeln blieb. Diese Symptome bedeuten erhöhte Vorsicht:

  • Lautes Knacken , z. B. morgens beim Gähnen oder beim Essen. Gelegentliches Knacken ist harmlos.
  • Wenn sich der Unterkiefer auffällig bewegt, etwa nach vorne schiebt, wenn man sich bückt.
  • Zähneknirschen. Geschieht unbewusst im Schlaf

Entsprechend weit reichen Kiefer-Probleme.

  • Schwindel: Ausgelöst durch verspannte Muskeln, die Nervenbahnen einengen; oft als Folge von Zähneknirschen.
  • Kopfschmerz, Migräne: Tritt oft bei Menschen auf, die unter Stress „die Zähne zusammenbeißen.“
  • Tinnitus, Ohrenschmerz: Genauer Zusammenhang bis heute ungeklärt. Tatsache aber ist: Tinnitus tritt wie CMD verstärkt bei Menschen auf, die unter großer Anspannung stehen.
  • Unerklärlicher Zahnschmerz: Dabei sind die Zähne gesund. Oft Zeichen für nächtliches Knirschen
  • Schluck-Beschwerden: Können durch ausgeprägte Fehlstellung des Kiefers ausgelöst werden; kommen nur sehr selten vor.
  • Verschiedene Beinlängen: Sehr häufig als Folge eines Beckenschiefstandes. Ausgeglichen bzw. behandelt werden muss nicht das zu kurze Bein, sondern die Muskeln des Rückens und ein mögliches Kieferproblem.
  • Verspannter Nacken: Muskeln von Kiefer und Nacken sind direkt miteinander verbunden und können sich so leicht gegenseitig beeinflussen.
  • Schmerzen im Gesicht: Wie Kopfschmerzen oft Folge von zu viel Druck auf den Zähnen.
  • Schulterschmerzen: Verspannungen setzen sich über die Muskelkette vom Kiefer über den Nacken bis zu den Schultern fort. Hilfe: Massagen, Wärme, Dehnübungen.
  • Probleme in den Bandscheiben: In der Regel als Folge von stark verspannten bzw. deutlich unter-entwickelten Muskeln. Hilfe: Muskeln kräftigen, anschließend dehnen.
  • Beckenschiefstand: Verspannte Rücken-Muskeln können so stark einseitig am Beckenkamm ziehen, dass das Becken um wenige Millimeter aus dem waagerechten Lot gerät.
  • Kniebeschwerden: Folge eines schief stehenden Beckens und der daraus resultierenden unterschiedlichen Länge der Beine.
  • Taubheit in Armen, Fingern, Füssen: Verspannte Muskeln können Nervenbahnen einengen bzw. so viel Druck darauf ausüben, dass es zu Empfindungsstörungen kommt. Erste Hinweise können Kribbeln und „Ameisenlaufen“ in Händen und Füssen sein.

Quelle: plus Magazin 05/2011

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