Tantra Yoga oder die Kunst des Liebens

Tantra Yoga ist für Paare gedacht.

Wer sich mit fernöstlichen Kulten oder Lehren beschäftigt, stößt bald auf das Tantra. Was ist das? Sexorgien oder tiefe Verbundenheit zu Gott? Hier erfahren Sie das Wichtigste auf einen Blick.

Wie entstand das „Tantra“?

14584-1Tantra entwickelte sich ursprünglich als ein Kult innerhalb des Hinduismus und Buddhismus. Es stellt den theoretischen Teil dieser Religionen dar. Der tantrische Kult unterscheidet sich von der orthodoxen Religion im Wesentlichen in der Betonung des praktischen Experiments. Traditionelles und  modernes Tantra haben wenig miteinander zu tun.Das Wort „Tantra“ kommt aus der altindischen Sprache Sanskrit und bedeutet wörtlich „Gewebe, Zusammenhang, Kontinuum“.

Der theoretische Teil des Tantra stimmt mit den zentralen Vorstellungen der orthodoxen indischen Weltanschauung überein: 1. Die Vorstellung der Seelenwanderung bzw. die mögliche Befreiung davon. 2. Die Vorstellung eines Absoluten, der obersten Nicht-Dualität. Sie ist transzendent, da wir in dieser Welt in der Dualität leben. Diese Nicht-Dualität ist sprachlich nicht ausdrückbar, da Sprache immer dualistisch ist.

Die zwei Pole im Tantra

Diese Polarität herrscht nicht nur in unserer Welt, sondern im gesamten Universum. Die beiden Pole: Aktivität und Passivität. Das Universum funktioniert durch ihre Wechselwirkung. Wenn diese beiden Pole verschmelzen, hört das Universum auf zu arbeiten. Dies beschreibt den Erleuchtungszustand metaphorisch.

Neben dem hinduistischen gibt es ein buddhistisches Tantra: Die letzte in Indien entstandene Form des Buddhismus. Sie blühte neben Hinduismus und Jainismus. Der Buddhismus hatte sich zunächst nur mit Philosophie und Ethik beschäftigt. Er zerfiel im ersten Jahrhundert in zwei Gruppen.

Das „Hinayana“ – das kleine Fahrzeug – hielt weiter an den asketischen Lehren fest. Es kannte keinen Glauben an Götter. Das „Mahayana“ – das große Fahrzeug – nahm Elemente des Hinduismus auf. Es schloss die Verehrung von Göttern und Göttinnen sowie den Glauben an Bodhisattvas ein. Das buddhistisches Tantra entnahm seine symbolische Mythologie diesem Mahayana-Zweig des Buddhismus.

14584-2Welche Rolle spielt Sex im Tantra?

Tantra oder Tantrayana stellt die altindische Lehre der Kunst des Liebens dar. Anders als die bekannten Yoga Richtungen spielt die Sexualität im Tantrismus eine wesentliche Rolle. Tantra nutzt die Sexualität als einen spirituellen Weg zu Extase und Erleuchtung.

Im Liebesakt erwacht die kosmische Kraft und es findet ein energetischer Austausch zwischen den Partnern statt. Spiritualität und Sexualität sind zwei Seiten derselben Energie, die für eine Transformation dienen. Ziel des Tantra Yoga: Die Erweckung der Kundalini, der im Körper schlafenden Vital-Energie.

Tantriker wollen mit dem Sexualakt und der Ekstase dem Göttlichen nahe kommen. Sie leben mit allen Sinnen im Hier und Jetzt. Mit Sexgymnastik hat Tantra nichts zu tun, auch wenn Körperübungen und Atemübungen eine wichtige Rolle spielen.

Tantra – mehr als bloßer Sex

Es wäre falsch, Tantra als Gruppensex mit Räucherstäbchen zu sehen oder es mit sexuellen Phantasien zu verbinden. Tantra bereitet einen Weg, um das spirituelle Wachstum unter Nutzung der Sexualkraft zu fördern. Wir unterdrücken die Sexualität dabei nicht, sondern kultivieren sie. Tantra bedeutet die Hinwendung zur eigenen Mitte, das Erkennen der eigenen Bedürfnisse und der Bedürfnisse des Partners. Tantra führt uns zurück zum Stadium eines Kindes. Wir lernen, wir selbst zu sein und uns zu mögen, wie wir sind.

Mit Tantra wird jeder Augenblick zur Meditation, es entsteht ein kindlicher Zustand des Urseins. Tantra ist keine Sexualtherapie. Tantra-Yoga zelebriert die sexuelle Vereinigung der Geschlechterpole, wobei wir ungeahnte Gipfel der Lust erklimmen können. Tantra Yoga gibt es nicht für homosexuelle Männer und Frauen, da hier nicht zwei Pole zusammenfinden.

Wie erlerne ich Tantra?

Wer Tantra erlernen will, der muss sich in Tantra-Gruppen nicht ausziehen. Im Tantra Yoga finden keine Orgien statt. Tantra Yoga ist vielmehr für Paare gedacht. Dabei erwachen zuerst die Sinne mit bewusstem und achtsamem Sehen, Lauschen, Riechen, Schmecken und Fühlen.

Es geht um die Entdeckung der Sinnlichkeit.Tantra verfeinert die Sinne, um so die Welt besser wahrzunehmen. Wir reizen die Sinne nicht, sondern verfeinern ihre Wahrnehmung. Aus dem Ego wird das Selbst.

Die Verachtung des Körpers in der spirituellen Praxis Indiens ist dem Tantra Yoga unbekannt. Im Gegenteil: Der Körper soll in der Spiritualität eine Rolle spielen. Zur Erleuchtung stellt der Körper ein Werkzeug dar, oder ein Fahrzeug. Der Körper dient als Musikinstrument, auf dem die Musik des Göttlichen erklingt. Im Tantra ist der Körper vollkommen in seiner Unvollkommenheit. Im Tantra sollen wir nichts unterdrücken. Der Körper drückt die Seele aus.

Ziel des Tantra Yoga: Die Welt mit allen Sinnen aufzunehmen, zu akzeptieren und zu genießen. Wir sollen im Hier und Jetzt Sehen, Riechen, Tasten, Hören und Schmecken erleben und kultivieren, als inneres Tor zur Glückseligkeit. Der ganze Körper dient als Sinnesorgan und als Tor zur Verwirklichung des Selbst. Wäre der Körper nicht wichtig, hätte uns der Schöpfer keinen Körper durch die Geburt gegeben, so die Argumentation. Deshalb gebrauchen wir die Sinne, verfeinern und zelebrieren sie, trotz der vorhandenen Reizüberflutung.

Was ist das Tantrische?

Der Tantriker glaubt: Die Erleuchtung und die Verschmelzung in dieser Welt sind durch praktische Übung (Sadhana) erreichbar. In der praktischen Übung versus dem Beharren auf theoretischen Wahrheiten und im Mut zum eigenen Experiment versus dem Befolgen traditioneller Überlieferungen und Konventionen liegt das Tantrische.

Der Tantriker spottet über traditionelle Strenggläubigkeit, er stellt das Experiment über die konventionelle Moral. Die Tantriker wissen es nur zu gut: Ihre Methoden sind radikal – ein verkürzter Weg zur Befreiung. In diesem Sinne sehen wir den Tantrismus als Pragmatismus, wobei der Erfolg als Beweis dient.

Es gibt keine tantrische Literatur. Die nicht-tantrischen Lehren des Hinduismus und Buddhismus enthalten den theoretisch-philosophischen Unterbau des Tantra. Dafür gibt es zahlreiche Sanskrit-Lehrbücher, die „Tantras„. Sie gelten als praktische Handlungsanleitungen. Tantra übernahm vom klassischen Yoga und Ayurveda die Doktrin von der Einheit des Individuums mit dem Kosmos und dem höchsten Sein.

Die Bedeutung von Mann – Frau

Um dieses erhabene Gefühl zu erreichen, praktizieren die Schüler Tantra-Yoga. Zum Teil Kundalini-Yoga. Die Polarität des Universums zeigt sich im Tantrismus durch die Polarität Mann-Frau bzw. Shiva-Shakti.

Die Kundalini (auch: Kundalini-Shakti) ist immer weiblich und stellt die magna mater mikrokosmisch dar. Das Hirnzentrum ist gleichbedeutend mit dem höchsten kosmischen Prinzip. Die Verschmelzung der schlafenden Kraft mit dem höchsten Prinzip stellt den esoterischen Kernpunkt der erotischen Symbolik dar.

Foto oben: © Maridav – Fotolia.com

RWG Redaktion

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