Duftes Training für den Geruchssinn

Eine hübsche junge Frau schnuppert an Kirschblüten

Auf die Frage, welchen menschlichen Sinn sie am ehesten für verzichtbar halten, antworten die meisten Befragten: Riechen und Schmecken. »Doch meist wird der Wert des Geruchssinns erst bemerkt, wenn er nicht mehr vorhanden ist«, erklärt Professor Dr. med. Thomas Hummel von der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde der Universität Dresden.

Riechstörungen?

»Patienten müssen, wenn sie schlechter riechen als sonst oder gar nicht mehr riechen, unbedingt den HNO-Arzt aufsuchen«, ergänzt sein Kollege Professor Dr. Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Universität Köln. Jährlich finden rund 80 000 Patienten den Weg in die Praxis oder eine Klinik.

Mediziner unterscheiden sinunasale von nicht-sinunasalen Riechstörungen. Bei Ersteren lösen Erkrankungen der Nase oder der Nebenhöhlen wie Infektionen oder Allergien die Beschwerden aus, gegen die Medikamente helfen. Oder es liegt ein anatomisches Problem vor. Etwa ein Polyp, der sich aber laut Hüttenbrink operativ gut entfernen lässt.

Millionen Riechzellen auf Schnuppertour

Bei einer sogenannten nicht-sinunasalen Riechstörung liegen Schäden am Riechapparat vor. Diese finden sich unter Umständen an den rund 30 Millionen Sinnenszellen in der Nase, die Düfte aufnehmen. Oder sie liegen in der zum Gehirn führenden Nervenbahn, die die Riechinformationen weitergibt.

»Wer nach einem starken Schnupfen und dem Verdacht auf eine Riechstörung in die HNO-Praxis kommt, muss daraufhin untersucht werden, ob eine Virusinfektion die Riechnerven geschädigt hat«, betont Hüttenbrink. Doch das bedeutet nicht automatisch das Aus für den Riechsinn. Der Geruchssinn kann bis zu zwei Jahre nach seinem Verschwinden wiederkehren.

»Riechzellen teilen sich und wachsen auch nach. Sie bilden das einzige Sinnesorgan, das sich wieder erneuert. Das ist bei Patienten, die mit Schnupfen und Riechstörungen zu uns kommen, immer die Hoffnung«, erklärt Hüttenbrink. Gravierender sieht es bei mechanischen Einwirkungen aus. »Zum Beispiel wenn der Riechnerv durch einen ganz banalen Sturz auf den Hinterkopf komplett durchtrennt wird.« Dann geht das Riechen eventuell auf Dauer verloren.

Pommes und Hamburger schaden dem Geruchssinn

Bei Stefan K. fanden sich zwar keine Polypen. Dem 30-Jährigen fiel aber schon längere Zeit auf, dass er nicht mehr so gut riecht wie früher. Stefan K. liebt Hamburger und Pommes. »Ich esse auch gerne mal eine dicke Currywurst.« Für Hüttenbrink ein wichtiges Indiz. »Wer sich vor allem von Pommes rot-weiß ernährt, dem fällt seine Riechstörung teilweise überhaupt nicht auf.« Speisen mit eintönigen Düften rauben der Nase das Geruchstraining.

Riechen und Schmecken finden laut Hüttenbrink zwar unabhängig voneinander statt: Patienten mit einer Geruchsstörung gelingt es nach wie vor, Geschmacksrichtungen wie süß, sauer, salzig und bitter zu unterscheiden. Das liegt daran, dass für das Riechen und Schmecken zwei verschiedene Nerven zuständig sind.

Geht es allerdings um das Weintrinken oder anspruchsvolle Küche, verbinden sich Riechen und Schmecken zu einem komplexen Sinneseindruck. Dies erklärt, warum Menschen ohne Geruchssinn sehr oft meinen, ebenfalls nicht mehr zu schmecken.

Riechtraining?

»Mitunter können die Symptome mit einem Riechtraining gebessert werden«, erläutert Hummel. Durch gezieltes Wahrnehmen bestimmter Düfte und Gerüche bilden die Riechzellen, wenn alles gut läuft, neue Nervenfasern aus.

Wissenschaftler fanden zum Beispiel heraus, dass nur die Hälfte der Menschheit den stechenden Geruch des Androstenons wahrnimmt. Androstenon ist ein Sexualduftstoff des Ebers. »Menschen, die beim ersten Versuch den Stoff nicht riechen konnten, schaffen das aber, wenn sie regelmäßig das Riechen dieser Substanz trainieren«, sagt Hüttenbrink.

Dufte Düfte

Die Universitätskliniken in Dresden, Köln und Erlangen entwickeln zurzeit ein solches Programm. Bei diesem Training lassen sie Patienten regelmäßig an intensiven Duftstoffen wie Rose, Eukalyptus, Zitrone und Gewürznelke schnüffeln. Es findet über einen Zeitraum von zwölf Wochen jeweils morgens und abends statt.

Die ersten Ergebnisse machen Hoffnung. Patienten, die an einem Training teilnahmen, riechen die genannten Duftstoffe heute in geringeren Konzentrationen. Das allgemeine Riechvermögen verbesserte sich ebenso.

Die Leistung der Patienten ohne Riechtraining änderte sich nicht. Bislang trainierte Hummel und sein Team knapp einhundert Patienten. Dies seien jedoch noch zu wenig, um allgemeine Aussagen treffen zu können. Deswegen möchte der HNO-Arzt seine Studie noch mit weiteren Patienten fortführen.

Dass der Geruchssinn bei der Partnerwahl eine Rolle spielt, wissen HNO-Ärzte seit längerer Zeit. Neueste Erkenntnisse zeigen: Damit die Chemie zwischen beiden stimmt, benötigen Menschen bei der Suche einen gesunden und gut trainierten Geruchssinn.

Foto:  © Robert Kneschke – fotolia.com

RWG Redaktion

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