Psychologie: Mitleid – ein zwiespältiges Gefühl

Mitleid ist ein wichtiges, aber ambivalentes Gefühl.

Es ist tief in uns verwurzelt und befällt uns so spontan wie die Angst. Ohne Mitleid gäbe es keine Hilfsbereitschaft untereinander. Wir selbst möchten allerdings auf keinen Fall dieses Gefühl in Anderen erregen.

Eine instinktive Reaktion

Das Mitleid scheint wie die Angst ein archaisches Gefühl zu sein, das im ältesten Teil des Gehirns entsteht: im limbischen System, das instinktive Reaktionsmuster auslöst. Haben wir Angst, wollen wir weglaufen. Überwältigt uns Mitleid, wollen wir hinlaufen und helfen.

Der Mensch ist als soziales Wesen auf seine Artgenossen angewiesen. Mitgefühl hilft Krisensituationen und Aggressionen in der Gruppe zu überwinden – bis heute. Mit dem Fortschritt hat deshalb jede Gesellschaft ein System der Nothilfe ausgetüftelt. Reiner Selbsterhalt, denn jeder kann in Not geraten.

Selbst Tiere fühlen mit

Mitleid tut weh: Untersuchungen zeigen, dass dabei das Schmerzzentrum eines Menschen aktiv wird. Insbesondere, wenn er Nahestehende leiden sieht. Ein automatischer Prozess, scheinbar nicht zu steuern. Das „menschliche“ Gefühl kommt aber nicht nur beim Menschen vor.

Ein kanadisches Forscherteam hat herausgefunden, dass selbst Mäuse einfache Formen des Mitgefühls empfinden. Die Wissenschaftler injizierten einigen Tieren verdünnte Essigsäure in den Bauch. Die Versuchstiere krümmten sich umso mehr vor Schmerzen, wenn ihre Käfiggenossen sichtbar litten. Der Ansteckungseffekt trat jedoch nur bei Tieren auf, die schon eine Weile im Käfig miteinander gelebt hatten. Das Leiden fremder Artgenossen rief dagegen keine Reaktionen hervor.

Gibt es Menschen ohne Mitleid?

Unter Menschen ist Mitleid ebenso wenig selbstverständlich, sondern bleibt oftmals Zugehörigen der eigenen Gruppe vorbehalten. Die Geschichte liefert unzählige Beispiele, darunter die Sklaverei früherer Zeiten und die grausame Ausrottung der Indios durch die spanischen Eroberer nach der Entdeckung Amerikas:

Die Einheimischen sahen sie einfach nicht als gleichwertige Menschen. Sobald der Andere als „minderwertig“ oder als „Feind“ deklariert wird, versiegt das Mitleid offenbar. Das beweist nicht zuletzt die jüngere Geschichte Deutschlands auf grausame Weise.

Ohne Mitgefühl kein Miteinander

Eine mitleidlose Gesellschaft ist auf Dauer nicht überlebensfähig. Die Bereitschaft, sich in den anderen hineinzuversetzen, ist nach wie vor die Basis für ein funktionierendes Zusammenleben. Wer die Gefühle der anderen nicht wahrnimmt und ihre Interessen ständig übergeht, hat bald viele Feinde. Das gilt im Kleinen wie im Großen.

Somit macht die Fähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl unentbehrliche Elemente des menschlichen Zusammenlebens aus. Nur warum finden wir es dann so unangenehm, selbst von Mitleid betroffen zu sein?

Demütigende Almosen

Wer einen Bettler beobachtet, kann den Grund nicht übersehen: Der eine gibt von dem, wovon er genügend hat. Und das unter Umständen mit herablassender Geste. Der zweite nimmt die Gabe an und muss dafür dankbar sein. Er gewinnt dadurch zwar eine Gabe, offenbart aber gleichzeitig seine Hilfsbedürftigkeit und Unterlegenheit.

Das Machtgefälle vom Gebenden zum Nehmenden wird sichtbar. Deswegen reagieren nicht wenige Menschen trotz einer schwierigen Lage ablehnend auf Hilfsangebote: „Ich brauche kein Mitleid!“ Doch es ist im Leben nicht immer möglich, selbst Herr der Lage zu bleiben. Spontane Mitleidsgesten reichen oftmals in den komplizierten Verhältnissen der modernen Zeit nicht aus.

Der Anteilnehmende sollte sich fragen, was dem anderen in der Krise tatsächlich weiterhilft. Dazu muss er sich in die Lage des anderen versetzen. So finden Sie heraus, was sein Anliegen ist und ob er Hilfe will. Nur durch Interesse am Anderen und das nötige Einfühlungsvermögen bekommt Mitleid eine angemessene Form.

Quelle: Ratgeber aus Ihrer Apotheke

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