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Wellness: Gibt es einen Gesundheitsimperativ?
Der Wellness Trend hat nun auch die Philosophie auf den Plan gerufen. Der Spruch Kants, „Habe Mut Dich Deines Verstandes zu bedienen“ in ‚Was ist Aufklärung’ ist zwar Wirklichkeit geworden, denn viele Menschen sehen Gesundheit nicht mehr als Abwesenheit von Krankheit, sondern als wichtigen Bestandteil des Lebens, den es zu schützen und erhalten gilt, doch wird die medizinische Emanzipation einer breiten Schicht von Gesundheitinteressierten von Philosophen und Psychologen misstrauisch beäugt. Gesundheit ist nach ihrer Ansicht längst zur Alltagsreligion geworden. Die Priesterschaft dieser neuen Religion rekrutiert sich nach deren Auffassung aus dem Medizinbereich. Statt in Kirchen, Bibliotheken oder Gewerkschaftsveranstaltungen zu gehen geht man lieber ins Fitness oder Wellnesscenter.
Die Münchner Zeitschrift für Philosophie WIDERSPRUCH, Ausgabe 42/2004 beschäftigt sich in Ihrer Novemberausgabe eingehend mit dem Thema Gesundheit. Sie beklagt, dass die Philosophie den Werte – und Strukturwandel mehr oder weniger verschlafen hat. Gesundheit wird in der Philosophie nicht als „höchstes Gut“ gesehen, sondern allenfalls als die psycho-physische Bedingung der Wahrheitssuche oder als Folge eines guten Lebens, so WIDERSPRUCH. „Sie erhebt nur kritisch das Wort, wo ihr der ‚Körperkult’, der ‚Gesundheitswahn’ und die Sorge um ‚das Selbst’ zu weit gehen, wo sie auf ‚Grenzen der menschlichen Natur’ und des ‚Verantwortbaren’ stossen.“
Die Ausgrenzung der Gesundheit aus dem Kanon der westlichen Philosopie ist zum Problem der Philosophie geworden. Der Kult um Körper, Geist und Seele, in der indischen und chinesischen Philosophie etwas Selbstverständliches, stösst bei vielen Philosophen auf Unverständnis und und mündet in der Frage, ob ‚Gesundheit’ nur das Utopiesurrogat einer götterlosen Welt ist.
In dem lesenwerten Beitrag ‚Der Gesundheitimperativ’ des Münchner Philosophen Pravu Mazumdar wird der Paradigmenwechsel beschrieben, der in den 80er und 90er Jahren den Gesundheitsdiskurs von der blossen Abwehr von Krankheiten zur Verknüpfung mit dem Glück und dem Glücksversprechen geführt hat. In diesem Beitrag werden die Widersprüche des philosophischen Denkens deutlich, sich mit dem bewussten Sich-Engagieren für das persönliche Wohlfühlen auseinanderzusetzen.
So schreibt Mazumdar, „dass sich seit den achtziger Jahre eine neue Vorstellung von Gesundheit durchsetzt, sowohl im Gesundheitsdiskurs als auch in den diversen Formen alternativer Therapien, die mit den gerade einsetzenden ökologischen Auseinandersetzungen einhergingen und wie die Pilze aus dem gesundheitspraktischen Boden der achtziger Jahre schossen. Nach dieser neuen Vorstellung ist Gesundheit mehr als das summierte Fehlen von Krankheiten: sie ist von neuen und positiven Werten aufgeladen. Gegen Ende der achtziger Jahre mündete diese Vorstellung von Gesundheit in den Begriff Wellness, der mittlerweile längst die Gesundheitsdiskussion in den Medien beherrscht und in dem, so scheint es, (a) das Band zwischen Gesundheit und Krankheit sich gelockert hat und (b) die Beziehung zwischen Gesundheit und Glück enger geknüpft worden ist.
So heißt es, schreibt Mazumdar, in einem der ersten Wellnessratgeber dieser Zeit: „Ein Verhängnisvoller Irrtum vieler Menschen ist die Annahme, Genuss und Gesundheit seien unvereinbare Gegensätze, das Erleben der einen Qualität bedeute Verzichten im anderen Bereich.“(siehe Franz Lautenschläger, Michael Hamm, Dieter Lagerstrøm, Wellness: Die neue Fitness. Ihr persönliches Ernährungs-, Bewegungs- und Harmonieprogramm für die neunziger Jahre, München, 1987: S. 9.)
Gesundheit und Glück, so Mazumdar, scheinen sich einander anzunähern: „Wellness heißt Spaß an der Gesundheit zu haben und dabei Genießer zu bleiben“ (siehe Franz Lautenschlager). Die Philosophe tat sich von jeher schwer damit, wenn „das Glück“ schlechthin gesucht wurde. So schreibt Wilhelm Schmid in seinem Buch „Mit sich befreundet sein“, dass es „entscheidend wäre, von Wellness nicht die Einlösung eines Heilsversprechens zu erwarten, sondern im Sinne der bewussten Lebensführung einen wählerischen Umgang auch mit dem Wohlgefühl zu realisieren, um letztlich ein Gespür für dessen richtiges Maß zu gewinnen und nicht zu glauben, das Selbst könne zum reinen Wohlfühlmenschen werden, die Welt zur vollkommenen Wohlfühlwelt“. Mazumdar kritisiert, dass dieser Anspruch einer andauernden Arbeit an sich selbst nicht aus einer freiwilligen und schicksalhaften Entscheidung des Einzelnen hervorgeht, sondern vielmehr jedem Einzelnen nahegelegt wird: in einem dringlichen Kontext, in dem nur unmittelbar über Gesundheit, letztlich aber über Leben und Tod entschieden wird. Er sieht die Unmündigkeit gegenüber den alten Experten der kurativen Medizin durch eine neue Abhängigkeit gegenüber dem boomenden Wellnessmarkt und ihren Fitnessangeboten ersetzt.
Mazumdar sieht zwei Ereignisse, die für den Paradigmenwechsel des Verhältnisses von Arzt und Patient verantwortlich sind:
Der salutogenetische Ansatz von Aaron Antonovsky (1), demgemäss an die Stelle des pathogenetischen Dualismus von Gesundheit und Krankheit ein Kontinuum tritt, in dem Gesundheit und Krankheit als fließende Zustände erscheinen. Gesundheit im Sinne Antonovskys ist eng verwandt mit dem ungefähr gleichzeitig auftauchenden Glücksbegriff von Mihaly Csikszentmihalyi, in dem das Glück als flow bestimmt wird.
Der zweite Wandlungsschub erfolgt im Jahr 1986 in der Gesundheitsdiskussion, als in der Ottawa Charta der Weltgesundheitsorganisation das Wort Wohlbefinden eingeführt wird, das von nun an die bisherige Stelle der Gesundheit einnehmen wird.
Mazumdar sieht in diesem generellen Wandel im Gesundheitsdenken eine bemerkenswerte Transformation des Gesundheitsimperativs. Er schreibt: „Ob die Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit erscheint und folglich nur negativ über deren Bekämpfung zu erlangen ist, oder als Anwesenheit von wellness oder Leben und folglich positiv durch die Arbeit an sich selbst zu generieren: die theoretische Scheue vor der prinzipiellen Unabwendbarkeit von Krankheit und Unglück bleibt in diesen Diskursen ungebrochen.“
Mazumdar sieht in dem Willen zur Gesundheit in gut Kantischer Manier einen Imperativ: „den Gesundheitsimperativ, der nach Kant zu den von ihm so genannten technischen Imperativen oder Imperativen der Geschicklichkeit gezählt werden müsste.“
Wenn in der Transformation des Gesundheitsdiskurses der Gesundheitsbegriff und der Glücksbegriff in der Idee des Wohlbefindens zusammenfließen, dann, so Mazumdar, „findet eine bemerkenswerte Hybridisierung des Gesundheitsimperativs statt: er wird zu einem zugleich technischen und pragmatischen Imperativ, der zugleich problematisch und assertorisch ist.“ Denn die Annäherung von Gesundheit und Glück im Begriff des Wohlbefindens wird dazu führen, dass sich die Beliebigkeit und Undefinierbarkeit des Glücksbegriffs zusehends am Gesundheitsbegriff abfärbt und die Versuche, die Gesundheit zu definieren, immer stärker zur Zirkularität neigen.“
Die Kantischen Unterscheidungen zwischen dem guten und dem unvollkommen Willen, so Mazumdar, zwischen notwendiger Bestimmung und Nötigung, zwischen der Form und der Materie einer Handlung, zwischen objektiven moralischen Gesetzen und den zufälligen Triebfedern usw. gehen auf die transzendentalphilosophische Isolierung eines vorempirischen und ungeschichtlichen Bereichs der Regeln zurück, die in Frage zu stellen seit dem Deutschen Idealismus beinahe zu den Grundpflichten des modernen Denkens gehört.
Mazumdar meint, dass das Glück nur unter der Voraussetzung der Gesundheit verheißen werden konnte, solange der Wille zur Gesundheit von einem bloß problematischen Imperativ bestimmt war, wie im Falle des pathogenetischen Diskurses noch vor dessen Übergang in den salutogenetischen.
Der Wandel des Gesundheitsdenkens hat zu einer Verschiebung der Position der Gesundheit in dieser Logik geführt. „Seitdem die Gesundheit kaum mehr vom Glück zu unterscheiden ist, seitdem sie ein gegebener und unhinterfragter aber kaum noch definierbarer Zweck ist, seitdem der Gesundheitsimperativ sich hybridisiert hat, kann sich das Verhältnis zwischen dem Gesundheitsdispositiv und dem Glücksdispositiv jederzeit umdrehen.“ Wir werden seit den achtziger Jahren immer stärker einem kaum entscheidbaren Widerstreit zwischen den Glücks- und den Gesundheitsdispositiven überantwortet.
(1) Die Salutogenese versteht sich als Gegensatz zur (in der Medizin verbreiteten) Pathogenese: Statt Krankheiten zu bekämpfen, sorgt sie sich um Gesundheit. Die wesentlichen Fragen: Was ist Gesundheit? Tatsächlich nur die Abwesenheit von Krankheit oder nicht vielmehr die Anwesenheit von Lebensqualität? Wie fördert man Gesundheit? Und wie lassen sich (gesunde und kranke) Menschen zu gesundem Leben motivieren? Das Wort „Salutogenese“ wurde von Aaron Antonovsky in die fachwissenschaftliche Diskussion eingeführt. Es enthält das lateinische Wort salus, welches im Deutschen sowohl Gesundheit meint, als auch das theologische Wort Heil beinhaltet.
www.Widerspruch : Münchner Zeitschrift für Philosophie
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Pravu Mazumdar Die Macht des Glücks 2003. 238 S. m. Abb. 21 cm; Kt; Deutsch DTV , 2003 EUR 14,50 Best-Nr.2476656
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