Hände voller Worte – die Sprache der Gehörlosen

Gebärdensprache gilt als eigenständige Sprache und Kultur.

Temperamentvolle Menschen brauchen beim Reden sprichwörtlich Hände und Füße: Gebärden, die das gesprochene Wort unterstützen. Für Gehörlose ist die Gebärdensprache viel mehr: Sie ist nicht nur Mittel zur Kommunikation untereinander, sondern auch eine Identifikation mit der Gehörlosengemeinschaft und deren Kultur.

DGS – eine eigenständige Sprache

An einem Tisch im Restaurant sitzen vier Personen und diskutieren heftig. Zu hören ist kein Wort, sie sind sozusagen ins Gespräch vertieft. Zur Verständigung benutzen die vier Gehörlosen die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Eine Episode, die für Hörende interessant zu sehen und gleichzeitig fremd ist. Der Hörende fühlt sich ausgeschlossen – eine Erfahrung, die sonst nur Gehörlose machen.

In Deutschland leben etwa 80 000 Gehörlose. Das sind etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung. Als gehörlos werden diejenigen Menschen bezeichnet, die entweder von Geburt an taub sind oder in den ersten vier Lebensjahren ihr Gehör verloren haben. Denn in dieser Zeit entwickelt sich das Sprachverständnis.

Weil sie nie den Klang der Sprache gehört haben, können sie auch nur sehr mühsam sprechen oder lesen. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 600 Kinder taub geboren. In etwa 50 Prozent der Fälle ist der Grund für Gehörlosigkeit genetisch bedingt. In den anderen Fällen ist sie erworben: zum Beispiel durch Röteln, Masern, Hirnhautentzündung oder eine Viruserkrankung der Mutter während der Schwangerschaft.

Verschiedene Dialekte

Wie Hörende, die überall auf der Welt in unterschiedlichen Sprachen kommunizieren, verständigen sich auch gehörlose Menschen in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich. Jedes Land hat seine eigene nationale Gebärdensprache. So gibt es zum Beispiel eine amerikanische, französische, russische, britische, chinesische und thailändische Gebärdensprache. Selbst innerhalb der DGS lassen sich regionale Dialekte feststellen.

Dass Gehörlosigkeit nicht Sprachlosigkeit bedeutet und dass die Gebärdensprachen vollwertige Kommunikationsformen sind, ist inzwischen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Und dennoch sind gehörlose Menschen von vielen Kommunikationsquellen abgeschnitten, ohne dass hörende Menschen sich dies überhaupt bewusst machen.

Der Plausch mit Kollegen, die Durchsagen in der Bahn oder Diskussionen im Fernsehen stellen oft schwierige Situationen dar, in denen sich Hörbehinderte ausgeschlossen und isoliert fühlen können. Deshalb gibt es häufig Probleme und Missverständnisse in der Unterhaltung.

Tipps für die Verständigung

Was können Gehörlose tun?

  • Den hörenden Gesprächspartner informieren: »Ich bin gehörlos, bitte sprechen Sie langsam und deutlich. Ich muss von den Lippen ablesen.«
  • Selbst langsam und deutlich sprechen, dabei mit Gestik beziehungsweise Gebärden begleiten, denn so können Hörende leichter verstehen.
  • Sagen, was man verstanden hat, und sofort nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat.

Bei allen Gesprächen mit mehreren Personen, zum Beispiel bei Vorträgen, Versammlungen sowie beim Arzt, bei Behörden oder bei Personalgesprächen, sollte ein Dolmetscher dabei sein. Dieser übersetzt Lautsprache in DGS und umgekehrt und gewährleistet somit, dass die Kommunikation ohne Probleme verläuft.

Was können Hörende tun?

  • Sehen Sie den Gehörlosen beim Sprechen an, denn dieser kann nicht sehen, was hinter ihm gesprochen wird. Deshalb wenden Sie sich, bevor das Gespräch beginnt, dem Gehörlosen zu und bauen Sie Blickkontakt auf.
  • Worum geht es eigentlich? Nennen Sie Ihrem gehörlosen Gesprächspartner zu Beginn der Unterhaltung das Thema. Dadurch ist es leichter, vom Mundbild auf das Wort zu schließen. Teilen Sie ihm auch mit, wenn Sie das Thema wechseln wollen.
  • Sorgen Sie für klare Sicht! Die Zigarette im Mundwinkel oder Kaugummi im Mund erschweren das Absehen von den Lippen erheblich.
  • Sprechen Sie langsam und deutlich, in kurzen und klaren Sätzen, jedoch nicht übertrieben. Eine überdeutliche Aussprache wie »Laaaaaampeeeee« verzerrt ihr Mundbild.
  • Nicht so laut! Gehörlose werden Sie trotzdem nicht hören! Schreien verzerrt das Mundbild und macht das Ablesen von den Lippen unmöglich.
  • Unterstreichen Sie das Gesagte mit Mimik und natürlichen Gesten (zum Beispiel essen, trinken). Schreiben Sie Stichworte auf und setzen Sie das Fingeralphabet (das relativ leicht von Gehörlosen erklärt werden kann) ein.
  • Lächeln Sie nicht verlegen und stimmen allem zu, wenn Sie etwas nicht verstanden haben. Bitten Sie um Wiederholung des Gesagten. Wenn das nicht hilft, bitten Sie den Gehörlosen, es aufzuschreiben. Wenn der Gehörlose Ihnen erklärt, dass er Sie nicht verstanden hat, wiederholen Sie den Satz oder schreiben Sie ihn ebenfalls auf.

Kleine Helfer im Ohr

Heute ist Gehörlosigkeit nicht in allen Fällen ein unabwendbares Schicksal. Es gibt Hörhilfen, die den Weg in die Welt der Hörenden frei machen können. Eine Entwicklung ist das Cochlear-Implantat. Dieses elektronische System ist bei tauben Kindern jedoch nur effizient, wenn es sehr frühzeitig eingepflanzt wird, möglichst bevor sie die Lautsprache erlernen.

Quelle: Neue Apotheken Illustrierte vom 15. Mai 2005

Foto: © Monika Wisniewska – Fotolia.com

RWG Redaktion

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