Depression: „Wir können heute fast allen helfen“

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Je älter wir werden, desto häufiger schleichen sich Grübeln und Antriebslosigkeit in unser Gehirn – die Depression. Noch immer scheuen sich viele Frauen und Männer, Ärzte um Hilfe zu bitten. Prof. Fritz Hohagen, ein führender Experte, erläutert, wie heute Depressionen sanft und effizient behandelt werden können.

Antidepressiva verfügen über einen schlechten Ruf…

Prof. Hohagen: Ich vermute, das hat zwei Ursachen: Über Depressionen redet zunächst kaum jemand so offen wie über Herz-Kreislauf- oder Gelenk-Beschwerden. Und dann gibt es gegen die sogenannten Antidepressiva noch sehr viele Vorurteile.

Antidepressiva machen beispielsweise nicht abhängig! Beruhigungs- und Schlafmittel machen unter Umständen süchtig. Und es stimmt nicht, dass Antidepressiva die Persönlichkeit verändern. Im Gegenteil! Depressionen verändern den Menschen. Medikamente dagegen helfen, dass sich die Persönlichkeit wieder entfaltet.

Raten Sie immer zu Antidepressiva?

Prof. Hohagen: Nein, das ist so ein Vorurteil. Nur bei schweren Depressionen sind Antidepressiva nötig. Leichte und mittelschwere Depressionen können sehr gut mit Psychotherapie behandelt werden. Wer keinen Antrieb oder Freude mehr empfindet und den eigenen Haushalt nicht mehr meistert – der benötigt Medikamente. Und je stärker solche Anzeichen ausgeprägt sind, desto wichtiger wird das Medikament.

Wie schnell wirken diese Mittel und haben sie Nebenwirkungen?

Prof. Hohagen: Antidepressiva greifen langsam in den Botenstoffwechsel im Gehirn ein. Deshalb dauert es etwa zwei bis drei Wochen, bis eine Besserung einsetzt. Und Antidepressiva haben Nebenwirkungen – bei diesen Medikamenten gilt: Was wirkt, hat unter Umständen Nebenwirkungen. Beispielsweise verspüren wenige Patienten weniger Lust auf Sex, wenn sie bestimmte Antidepressiva nehmen.

In diesem Fall verordnet der Arzt in der Regel ein anderes Mittel, bei dem dies nicht mehr auftritt. Allerdings können auch Wechselwirkungen auftreten. Einige Antidepressiva führen unter Umständen, dass Mittel gegen Bluthochdruck gar nicht mehr oder aber viel stärker wirken. Deshalb fragen gute Ärzte genau nach, welche Medikamente man noch nimmt.

Es gibt eine Faustregel: Sie sollten das Mittel noch sechs Monate in der Dosis nehmen, die aus der Depression geholfen hat. Das schützt am besten vor einem Rückfall. Danach setzen Sie es a, besten unter ärztlicher Anleitung langsam ab. Hat ein Patient mehrere Depressionsphasen, muss er es länger nehmen.

Reichen Medikamente bei einer Depression?

Prof. Hohagen: Nein, der Eindruck ist falsch. Eine Therapie gegen Depressionen sollte immer mehr sein. Sehr wichtig ist, die Betroffenen gründlich aufzuklären – wir nennen das Psycho-Edukation. Viele akzeptieren ihre Krankheit besser, wenn sie erfahren, dass bestimmte Stoffwechselprozesse im Gehirn eine Rolle spielen.

Dazu kommt: Viele jenseits der 50 stellen fest, dass sie nicht mehr so viel Schwung haben. Ihnen gehen die Dinge nicht mehr so leicht von der Hand. Sie können sich nicht mehr so gut konzentrieren, vergessen öfter etwas.

Ein Stück weit ist das normal. Aber wenn gleichzeitig die Stimmung gedrückt ist, man sich innerlich leer und wie versteinert fühlt oder viel grübelt, ist das nicht mehr normal. Eine Depression hat viele Gesichter. Manche empfinden dadurch Kopf- und Rückenschmerzen viel stärker.

Andere sind so vergesslich, dass sie große Angst haben, dement zu sein. Dabei leiden sie „nur“ unter einer Depression. Wird die erfolgreich behandelt, können sie sich wieder konzentrieren. Die Vergesslichkeit verschwindet – ebenso wie viele andere Beschwerden.

Warum bekommen Ältere eher Depressionen?

Prof. Hohagen: In der Lebensphase über 50 passieren viele einschneidende Wechsel: etwa wenn die Kinder aus dem Haus gehen, die eigenen Eltern sterben oder die Rente bevorsteht. Das macht vielen zu schaffen, mehr als sie vorher glauben. Unsere tägliche Praxis zeigt: Viele freuen sich auf ihren Ruhestand  und haben tausend Pläne. Dennoch fallen sie in eine Depression, sobald es so weit ist.

Wie beuge ich vor?

Prof. Hohagen: Wer noch im Berufsleben steht, sollte stressigen Arbeitsphasen bewusst Momente der Muße folgen lassen. Etwa eine Lesestunde auf der Terrasse, ein anregendes Gespräch mit dem Partner oder einen Bastelnachmittag mit den Enkeln – all das trägt zum Entspannen und zur Abwechslung bei.

Manch einer entdeckt neue Interessen bei sich, beispielsweise für Kunst, Musik oder Bewegung. Gerade körperliche Aktivität ist extrem wichtig. Sport hat starke antidepressive Wirkung. Und große Bedeutung genießt ein intaktes soziales Umfeld. Wir sollten viel ins Familienleben investieren, Freundschaften pflegen. Gemeinsam ins Theater gehen, Rad fahren, zusammen verreisen – das alles macht Spaß.

An wen wende ich mich, wenn ich doch in eine Krise komme?

Prof. Hohagen: Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt, mit ihm besprechen Sie am besten vertrauensvoll Probleme, Ängste und Befürchtungen. Eine Überweisung an den Psychotherapeuten muss nicht immer sein.

Hausärzte können eine erste Behandlung etwa mit einem Antidepressivum und begleitenden Gesprächen unternehmen. Das gilt nur, wenn sie sich mit Depressionen gut auskennen. Das hilft vielen Betroffenen entscheidend weiter. Mein Rat: den Hausarzt ruhig fragen, wie gut er sich mit Depressionen auskennt. Anders ist es, wenn er ausweichend reagiert oder die Behandlung nicht innerhalb von 4 bis 6 Wochen gut genug hilft. Dann sollte der Hausarzt zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie überweisen.

Und wann ist es dann besser, in eine spezielle Klinik zu gehen?

Prof. Hohagen: Wenn Sie sich nur noch die Bettdecke über den Kopf ziehen möchten und nichts mehr geregelt bekommen. Dann wird es Zeit für eine intensivere Therapie. Und bei Selbstmord-Gedanken. Dann gehören Sie zwingend in eine Klinik! Deshalb nehmen Angehörige idealerweise jede Suizidäußerung sehr ernst. Von Menschen, die offen darüber reden, wissen wir, dass sie auf viel Verständnis in ihrem Umfeld stoßen. Heute lernen Betroffene wie sie mit dem Thema am besten umgehen.

Beispielsweise mit Standardsätzen, etwa: „Depressionen können jeden treffen. Ich bin vor einem Jahr erkrankt, befinde mich jetzt auf dem Weg der Besserung.“ Oder: „Ich war in letzter Zeit sehr häufig traurig, habe mir aber Hilfe von Ärzten und Angehörigen geholt“. So können Sie Ihre Krankheit kurz erklären und Unsicherheiten überdecken.

Die Seele stärken

Diese Dinge helfen, depressive Gedanken zu vertreiben, bzw. beugen vor:

Sport

Das Gehirn schüttet mehr Botenstoffe aus, die harmonisieren (Serotonin) und glücklich machen (Endorphin).  Ideal: Ausdauertraining, das zeigen wissenschaftliche Studien. Optimal sind 3 bis 4 Mal wöchentlich 30 bis 60 Minuten z.B. Wandern, Walken, Schwimmen, Radfahren, Laufen.

Licht

Hilft dem Körper, den Tag-Nacht-Rhythmus zu regeln; bei Depression ist der oft gestört.
– Ärzte raten: Täglich 30 Minuten in der Mittagszeit draußen bewegen.
– Bei Winter-Depression: 40 Min. „Licht-Dusche“ pro Tag mit Spezial-Lampe. Ist mit bis zu 10.000 Lux so hell wie ein sonniger Sommertag.

Meditation

– Schärft Aufmerksamkeit gegenüber eigenen Gefühlen.
– Hilft, negative Gedanken früher zu erkennen und gegenzusteuern.
– Studien belegen: Frauen und Männer, die „Achtsamkeits“-Meditation lernen – haben seltener einen Rückfall in Depressionen.

Schilddrüse

– Wer häufig antriebslos und niedergeschlagen ist, sollte die Schilddrüse untersuchen lassen (beim Hausarzt).
– Unterfunktion kann zu schweren depressiven Symptomen führen.
– Schilddrüsen-Medikamente können die Unterfunktion rasch wieder ausgleichen.

Burn-out und Depression – ein Unterschied?

Ängste

Man hat permanent oder immer wieder intensive Angst vor Dingen, z.B. kleinen Räumen oder bestimmten Situationen, z.B. die Straße zu überqueren.

Symptome: Herzrasen, Schweißausbrüche, Zittern, Atembeschwerden, innere Beklemmungen. Behandlung: Verhaltenstherapie, Medikamente, wenn Ängste extrem und in alltäglichen Situationen auftreten.

Depression

Anhaltende gedrückte Stimmung. Kann ohne erkennbare Ursache auftreten, aber auch durch Belastendes wie Tod oder Trennung oder eigene schwere Krankheit.

Symptome: Antriebslosigkeit, Interessenverlust über mindestens zwei Wochen; Schlaf- und Appetitlosigkeit, stärkeres Empfinden von Schmerzen. Behandlung: Gesprächs- oder Verhaltenstherapie, begleitend auch Sport- und Kunsttherapien; bei schweren Depressionen zusätzlich Medikamente.

Burn-out: Englisch für „ausgebrannt sein“

Trifft vor allem Menschen, die mit großem Einsatz im Beruf aktiv sind, aber befürchten, dass ihre Arbeit nur wenig bewirkt. Auslöser ist häufig Stress, der nicht verarbeitet werden kann. Burn-out ist keine eigene Krankheit, sondern eine zusätzliche Diagnose. Häufig verbirgt sich dahinter eine Depression. Symptome Völlige körperliche, geistige und emotionale Erschöpfung. Behandlung: Wie Depressionen. Wichtig: Stress-Abbau.

Borderline

Englisch für „Grenzlinie“. Betroffene fühlen sich als Außenseiter, haben nur geringes Selbstwertgefühl und starke innere Spannungen.

Symptome: Stark schwankende Stimmungen, z.B. kann alltägliche Situation extreme Aggression, Eifersucht, Niedergeschlagenheit oder Hass auslösen. Behandlung: Verhaltenstherapie, Stress-Abbau.

Belastungsstörung

Stärker als sonst fühlt man sich niedergeschlagen, ängstlich, verbittert oder verzweifelt. Meist infolge einer schweren Krankheit, Trennung, eines Jobverlusts oder Unfalls; mündet oft in Depression.

Symptome: Gefühl der Hilflosigkeit („ich kann nichts ändern“); aber auch Gereiztheit, Aggression oder Teilnahmslosigkeit. Behandlung: Gesprächs- und Verhaltenstherap

Das Gespräch führte Uwe Groenewold

Foto oben: © JPC-PROD – Fotolia.com

Quelle: plus Magazin 08/2011

 

RWG Redaktion

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