III. Entstehung und Entwicklung der deutschen Sprache

1. Indogermanische Wurzeln


Franz Bopp,Professor der orientalischen Literatur und der allgemeinen Sprachkunde
Franz Bopp
Franz Bopp, einem renommierten Sprachwissenschaftler, war es 1812 gelungen, eine Verwandtschaft zwischen allen relevanten europäischen und zum Teil auch außereuropäischen Sprachen festzustellen. Die Beziehungen reichten von den germanischen ,italischen, slawischen, griechischen bis zu den iranischen und indischen Sprachen. Die Vermutung lag nahe, daß es ein indogermanisches Urvolk gegeben haben muß. Die neuentstandene Indogermanistik vermutete den Ursprung der Indogermanen  in Skandinavien, was aber mehr politischem Wunschdenken entsprach. Neuere Forschungsergebnisse lassen mehr die Vermutung zu, daß die Heimat der Indogermanen in den Steppen Zentralasiens gelegen haben muß. Bewiesen ist, daß es den Indogermanen offensichtlich als erster Völkergruppe gelang, das Pferd zu zähmen und für den Kampf einzusetzen. Das würde vor allem ihre militärischen Erfolge erklären, die sie im Laufe der Jahrtausende über andere Völker errungen haben. Die sogenannten Arier tauchen dabei nur in der indischen Geschichte als Invasoren auf, die zwei der Hochkulturen Asiens , die Induskulturen, dabei zerstört haben. Der Name Arier(arya =  "Die Edlen") war nichts als ein unspezifisches Eigenlob.

Germanisches Gehöft
Germanisches Gehöft
Die Auflösung des indogermanischen Stammesverbandes liegt im dunkeln. Es drängt sich aber die Vermutung auf, daß dies spätestens 2000 v. Ch. geschehen sein muß. Wanderbewegungen der einzelnen Stämme, z.B. der Dorer nach Griechenland, der Arier(ca.1500 v.Ch.) nach Persien und Indien ,geben uns einen ungefähren Anhaltspunkt. Bei diesem durch Forschungen belegten Sachverhalt darf aber nie vergessen werden, daß der Begriff Indogermane oder Indoeuropäer ein Kunstbegriff der Sprachwissenschaften ist, der rassische Schlußfolgerungen nicht zuläßt.

Das Indogermanische als die (hypothetisch erschlossene) Urform der meisten europäischen und vorderasiatischen Sprachen ist nach Meinung des Germanisten Fritz Tschirch um spätestens 3000 v. Christus als lebendige Sprache erloschen. Das Germanische löst sich dabei nicht mit einem Schlage aus dem indogermanischen Sprachverband heraus, sondern muß mit dem Keltischen und Italischen über eine längere Zeit in einem engen Zusammenhang gestanden haben. Die Gemeinsamkeiten mit dem Keltischen wurden durch das Vorrücken germanischer Stämme nach Binnendeutschland sogar noch verstärkt. Der Begriff welsch bezog sich in dieser Zeit auf die Kelten und wurde erst später zum Begriff für alles Nichtdeutsche.


JULIUS CAESAR(100 - 44 B.C. )
JULIUS CAESAR
2. Germanische Wurzeln
Der Begriff Germanen ist eine durch die Römer von den Kelten übernommene Bezeichnung der Stämme, die östlich des Rheins lebten. Die Germanen kannten keine einheitliche Bezeichnung für sich. Der Name stammt von einem Stamm, der sich Germanen nannte und der in die römische Provinz Gallien einfiel, wo er von Julius Cäsar wieder verdrängt wurde. Bevor die Germanen die Gebiete des heutigen Deutschland besiedelten, hatten die Kelten schon lange vorher das Land bewohnt.
Über die Lebensweise der Germanen, über ihre Bräuche und Sitten hat uns vor allem Tacitus, ein römischer Bürokrat, informiert. Die von ihm verfaßte Germania  hat einen nicht unübersehbaren Einfluß auf die Frage Was ist deutsch ? ausgeübt. Seine auf Klischees beruhenden ethnologischen Betrachtungen über die germanischen Stämme flossen unkritisch in das Charakterbild der Deutschen ein. Tacitus glaubte, daß es sich bei den im heutigen Mitteleuropa lebenden Stämmen um die Ureinwohner Germaniens handelte, die von Zuwanderung und gastlicher Aufnahme fremder Völker völlig unberührt geblieben sind. Tacitus' Beschreibung der Germanen beruhte weniger auf eigene Reiseerfahrungen als vielmehr auf der Überlieferung von Kaufleuten und Soldaten und vor allem auf Julius Cäsar. Die Germania des Tacitus', deren Hauptmotiv vor allem darin bestand, den "dekadenten" römischen Landsleuten einen Spiegel über die Tugenden "unverbrauchter" Völker vor die Augen zu halten, wurde seit dem Humanismus zur wichtigsten Quelle des Deutschtums, die Gleichsetzung von Germanisch und Deutsch war nur eine Folge dieser einseitigen Quellenauslegung.

Arminius - Armin - Hermann der Cherusker
Hermann der Cherusker
Tatsache ist, daß nach der verlorenen Schlacht im Jahre 9 n.Ch. immer mehr germanische Stämme aus allen Seiten Europas nach Mitteldeutschland einfielen. Eine weitere Expansion des römischen Reiches wurde durch die Schlacht zwischen Hermann dem Cherusker und den Legionen des römischen Feldherrn Varus verhindert. Der Legende nach soll diese Schlacht im Teuteburger Wald stattgefunden haben, doch läßt sich diese Legende historisch nicht beweisen. Herrmann oder Arminius, wie er zum Teil auch genannt wird, war selbst lange Zeit römischer Offizier gewesen, bis er Häuptling der Cherusker wurde. Für das Enstehen der deutschen Sprache war dieses Datum auf alle Fälle ein wichtiger Einschnitt, da bei einem Sieg der Römer auch die von den Germanen östlich des Rheins bewohnten Gebiete romanisiert worden wären und die deutsche Sprache sich nie hätte entwickeln können. So aber zeigte keiner der nachfolgenden römischen Kaiser Interesse, einen erneuten Versuch zur Eroberung Germaniens, wie sie dieses Gebiet nannten, zu unternehmen und die deutsche Sprache konnte sich, wie andere europäische Sprachen auch, aus den verschiedenen germanischen Sprachen entwickeln. Dieser Sieg trug stark zu einem Zusammenheitsgehörigkeitsgefühl der germanischen Stämme bei , die in ständige kriegerische Auseinandersetzungen untereinander verwickelt waren. Rhein und Donau wurden dadurch zur Grenze des römisch beeinflußten Teils Europas. Die beginnende und letzte große Völkerwanderung im 2. bis zum 4.Jahrhundert n.Ch. ließ viele Kleinstämme verschwinden und neue Stämme auf der Bildfläche erscheinen, zum Teil gingen kleinere Stämme auch in größeren Stämmen auf. Die Ostgermanen räumten ihre Gebiete östlich der Elbe vollständig und bildeten neue Reiche, so z.B. die Wandalen in Nordafrika, die Sweben im Nordwesten der iberischen Halbinsel. Die Nordgermanen blieben in ihrer Heimat (Dänen, Schweden),die Westgermanen vergrößerten ihr Siedlungsgebiet nach Westen. Die Kelten , lange Zeit vorherrschend auf den heutigen deutschen Gebieten, wurden an die Ränder Europas gedrängt oder vermischten sich mit den germanischen Stämmen.

3. Anfänge der deutschen Sprache


Die deutsche Sprache muß sich irgendwann im 4. bis 6.Jahrhundert nach Christus vom germanischen Sprachverband gelöst haben. Das Wort deutsch in seiner altsächsischen Form thiudisk, althochdeutsch diudisc, mittelhochdeutsch tiu(t)sch taucht kurz vor der Jahrtausendwende auf und dringt rasch durch. Das Erstaunliche dabei ist, daß die Weiterentwicklung von dem Adjektiv ausgeht, daß also der Volks-und Ländername vom Adjektiv abgeleitet wird: tiutsch, tiuschez, tiuschez lant für deutsch, Deutscher und Deutschland. "tiutsch" bedeutet zum Volk gehörend. Das Adjektiv leitet sich wiederum aus dem gotischen piuda ab. Die Bezeichnungen althochdeutsch oder altsächsisch gehen auf eine in unserer Zeit vorgenommene abstrahierende Generalisierung zurück, die in Wahrheit der sprachlichen Wirklichkeit des frühmittelalterlichen Deutsch Gewalt antut, da es eine Schrift - und Hochsprache, wie wir sie heute kennen, in den Jahrhunderten des frühen Mittelalters nicht gegeben hat. Die Sprachwirklichkeit manifestiert sich vielmehr in zahlreichen Mundarten infolge der regional-räumlichen Gegebenheiten des Mittelalters in Binnendeutschland.

Martin Luthers (1483-1546 )
Martin Luthers
Für die Geistlichen, den alleinigen damaligen Trägern der Kultur, bot sich das Latein als Gemeinsprache an.

Die Abgrenzung zu anderssprechenden Völkern drückte sich rein sprachlich und nicht kulturell durch die Vokabeln welsch für romanisch, wendisch für slawisch bzw. Tensch für dänisch aus. Die Gebildeten empfanden sich während dieser Zeit noch nicht als Deutsche, sondern waren sich nur der Andersartigkeit ihrer Sprache bewußt. Die Ansätze zur gemeinsamen deutschen Hochsprache wurden erst durch die deutschen Humanisten und Martin Luther im 16.Jahrhundert geschaffen.




IV. Von der Sprachnation zur Wirtschaftsnation Deutschland





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